Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Beasts of the Southern Wild

Die folgende Kritik ist auch auf SFR erschienen.

Beasts Poster

Ich habe eine ziemlich einfache Regel: Wenn mehr als ein Lorbeerkranz auf einem Plakat zu sehen ist, werde ich misstrauisch. Wenn ich dann auch noch höre, dass der zum Plakat gehörende Film nur mit Amateuren und größtenteils mit natürlichem Licht gedreht wurde, weiche ich unauffällig von der Kinokasse zurück und verlasse das Gebäude. Die deutschen Autorenfilme der 70er haben tiefe Narben hinterlassen.

Zum Glück wusste ich all das nicht über Beasts of the Southern Wild, sonst hätte ich einen wirklich phänomenalen Film verpasst.

Der Trailer suggeriert Feel-Good-Movie, aber das stimmt nicht. Benh Zeitlin erzählt in seinem Erstlingswerk die Geschichte der sechsjährigen Hushpuppy (Quvenzhané Wallis), die mit ihrem Vater Wink (Dwight Henry, der übrigens hauptberuflich Bäcker ist) vor den Deichen Louisianas in absoluter Armut lebt, ohne Sentimentalität und Kitsch. Für sie ist der “Bathtub”, wie die Gegend genannt wird, der schönste Ort der Welt. Über das Festland weiß sie, was andere erzählen - es gibt dort nur einmal im Jahr Ferien - und was sie selbst jenseits der Deiche sieht: Ölraffinerien, die wie prähistorische Saurierknochen aus der Erde ragen. Angst haben die Bewohner des Bathtubs nur vor dem Sturm, der eines Tages kommen und alles zerstören wird.

Hushpuppy fürchtet sich jedoch noch vor etwas anderem, der Rückkehr der Auerochsen. Dank halb verstandener Unterhaltungen und Lektionen der Erwachsenen glaubt sie, dass nur die Eiszeit die Höhlenmenschen vor der Macht der Auerochsen bewahrt hat. Und nun, da die Polkappen schmelzen, werden diese Ungeheuer zurückkehren.

Das klingt alles ein bisschen seltsam, ist es auch, denn wir sehen den Film komplett durch Hushpuppys Augen. Dadurch verwandelt sich das zugemüllte, armselige Dorf in einen magischen Ort voller Überraschungen und Abenteuer… und ich bemerke gerade, dass ich in Klischees abgleite, die dem Film nicht gerecht werden.

Gedreht wurde er auf Super-16, was ihm ein sehr körniges Aussehen gibt, das an einen Dokumentarfilm erinnert. Nichts in Beasts of the Southern Wild fühlt sich glatt oder geschönt an, alles wirkt natürlich. Das schließt auch die großartigen Hauptdarsteller ein. Hushpuppy und ihr Vater sind eine Familie, wenn auch eine ungewöhnliche und nicht immer liebevolle, aber sie wirken real.

Seine magische Dimension bekommt der Film durch die Musik, die der Regisseur selbst geschrieben hat und die man auch im Trailer hört. Sie steht in Kontrast zu den gezeigten Bildern, ergänzt sie aber gleichzeitig. Durch sie verwandeln sich Armut und Schmutz in etwas Edles, sie gibt den Menschen Würde. Aber diesen Aspekt hervorzuheben, drängt den Film ebenfalls in eine Ecke, in die er nicht gehört.

Es ist so schwer, über Beasts of the Southern Wild zu schreiben, weil er sich jeglicher Einordnung entzieht. Man könnte ihn als Allegorie sehen, wenn man denn will, für was, müsste man aber selbst entscheiden. Man könnte ihn auch noch mit Adjektiven wie hypnotisch, mutig, inspierend, frisch, einzigartig und so weiter bombardieren, aber machen wir es kurz: Seit langem hat mich kein Film so berührt. Auch wenn das FFF noch nicht vorbei ist, bin ich sicher, dass dies der beste Film des Festivals ist und einer der besten in diesem Jahr.

5/5