Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Bukarest Fleisch

Ihr dachtet, da käme nichts mehr, oder? Aber ich habe versprochen, aus den 16 Teilnehmerländern der letzten EM (an die ihr euch vielleicht noch dunkel erinnert) je einen Film zu sehen, und das werde ich auch durchziehen, egal, wie lange es dauert.

Der heutige Kandidat stammt aus Deutschland und trägt den interessanten Titel Bukarest Fleisch. Ich habe lange darüber nachgedacht, welchem Genre man ihn zuordnen sollte, ob es ein Slasher ist oder eher Öko-Horror, aber eigentlich passt nur eines richtig: das “Mir doch scheißegal, ob die alle verrecken”-Genre.

Ein paar Worte zum Inhalt: Studentin Lara erfährt, dass ihre Eltern und ihre kleine Schwester bei einem Autounfall in Rumänien ums Leben gekommen sind. Nach einem herzerfrischend sinnlosen Dialog mit der Polizei:

Polizei: “Wir würden dich gern zu einem Psychologen bringen, der dir hilft.”

Lara: “Fass mich an und ich beiß dir den Arm ab!”

???

beschließt Lara, zusammen mit drei Opfern… Entschuldigung, Freunden, nach Rumänien zu fahren, um ihre Eltern ein letztes Mal zu sehen. Auf dem Weg dorthin stellt sich heraus, dass Laras Vater gespendetes Fleisch in Rumänien verkauft hat.

Opfer 1: “Wenn das Fleisch gespendet war, warum hat er es verkauft?”

Lara: “Weiß ich nicht.”

???

Der Besuch im Krankenhaus verläuft recht unergiebig, aber zum Glück trifft Lara vor der Tür auf Nikita, die anbietet, ihr die Unfallstelle zu zeigen. Und nein, Lara fragt natürlich nicht, woher sie davon weiß.

An der Unfallstelle geht Alice (Opfer 2) erst mal in den Wald, während die anderen einfach rumstehen. Sie wird von irgendwas angefallen, entkommt aber verletzt. Daraufhin:

Opfer 1: “Wir müssen sie ins Krankenhaus bringen.”

Nikita: “Ich habe ein Haus in der Nähe. Fahren wir dorthin”

???

Im Haus angekommen, taucht plötzlich ein Typ auf, der redet wie der Pate und Opfer 1 mit einem Revolver bedroht, was jedoch außer Opfer 1, das nicht gefragt wird, niemanden zu interessieren scheint. Lara führt ungerührt ihren Dialog mit Nikita weiter, Opfer 3 und 4 sind anscheinend anderweitig beschäftigt. Und ja, alle sind im gleichen Raum.

Irgendwann im Verlauf der nächsten Dialoge, die Opfer 1 komplett mit einem Revolver im Mund an die Wand gepresst verbringt, erfahren wir dann, dass Laras Vater verseuchtes Fleisch an rumänische Straßenkinder verteilt hat. Die sind mutiert und zu Kannibalen geworden. Wie es der Zufall so will, lungern die Straßenkannibalen im Wald rund um das Haus (nicht etwa das Krankenhaus, beide Worte scheinen ja ein hohes Verwechslungspotential zu haben) herum, also super Plan, Nikita. Gut gemacht.

Irgendwann geht das Massaker los - und das Wunder geschieht. Bukarest Fleisch wird gut. Zwanzig Minuten lang ist der Film richtig spannend, wahrscheinlich, weil kaum geredet wird. Dann scheint Regisseur, Autor, Kameramann und Cutter Andy Fetscher jedoch endgültig der Atem auszugehen (kein Wunder bei den ganzen Jobs), denn der Rest von Bukarest Fleisch trödelt einfach nur seinem Ende entgegen. Okay, nicht ganz, denn die McGyver-Monkey-Island-Sequenz am Schluss reißt einen noch mal kurz aus der Lethargie heraus.

Fast noch lustiger als die Dialoge von Bukarest Fleisch ist übrigens die Tatsache, dass der Film von der Filmförderung Hessen finanziert wurde und in Coproduktion mit dem hessischen Fernsehen entstand. Das erklärt wahrscheinlich kurze Momente der Political Correctness, wie der, in dem Lara vor dem Sex ein Kondom aus der Tasche zieht oder der, in dem Lara sich im Auto erst mal ordentlich anschnallt, bevor sie vor den Kannibalen flieht.

Aber hey, mal ehrlich: besser Andy Fetscher kriegt die Kohle als ein in schwarz-weiß gedrehtes Beziehungsdrama um verarmte, homosexuelle Landarbeiter in der Eifel, gesprochen im Originaldialekt von Laiendarstellern. Denn trotz allem, was man Bukarest Fleisch vorwerfen kann, schafft er eines schon, nämlich zu unterhalten.