Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Cabin in the Woods - Evil Dead erklärt

Die mit dem Wolf flirtet

Cabin in the Woods erzählt die Geschichte von fünf Studenten, die ein Wochenende in einer einsamen Hütte mitten im Wald verbringen wollen. Es ist alles so, wie man es als Fan dieses speziellen Genres, des Backwoods-Horrors, kennt. Die Gruppe trifft auf einen komischen, alten Mann, der seltsames Zeug erzählt, die Hütte ist so abgelegen, dass man sie mit dem Navi nicht findet, und die Figuren entsprechen den Klischees.

Oder auch nicht, denn hier beginnt der Film sein Spiel mit dem Genre und mit unseren Erwartungen. Kaum sind die Studenten in der Hütte, verändern sich ihre Persönlichkeiten. Soziologiestudent Curt (Chris Hemsworth) wird zum Athleten und Alpharüden, seine Freundin Jules (Anna Hutchison) zur Schlampe, sein Kumpel Holden (Jesse Williams) zum Nerd und Brillenträger, die anderen beiden - Dana (Kristen Connolly) und Kiffer Marty (Fran Kranz) - zur Jungfrau und zum Narren.

Während die Studenten sich wie Vollidioten benehmen, lernen wir diejenigen kennen, die hinter all dem stecken: eine weltumspannende Organisation, die an verschiedenen Orten ähnliche Experimente durchführen. Die meisten sind bereits gescheitert, nur Japan und die USA sind noch im Rennen.

Zu diesem Zeitpunkt glaubt man als Zuschauer, den Film kapiert zu haben. Hier werden Unschuldige in unmögliche Situationen gebracht, um irgendwelche reichen Arschlöcher, die dafür viel Geld ausgeben, mit ihrem Tod zu unterhalten. Torture Porn eben.

Aber nein, denn eigentlich hat die Organisation nichts Böses im Sinne. Das Leid und der scheinbar unvermeidliche Tod der Studenten dient der Rettung der Welt. Nur dieses Ritual kann die Alten Götter (und ja, in einem solchen Fall muss man Alten einfach groß schreiben, schließlich bewegen wir uns in Lovacraft-Territorium) milde stimmen und sie davon abhalten, die Menschheit zu vernichten.

Um dieses Ziel zu erreichen, geben Hadley (Bradley Whitford), Sitterson (Richard Jenkins) und Lin (Amy Acker) alles. Im Keller der Hütte gibt es gleich Dutzende Artefakte, Bücher, Puppen und andere unheimliche Dinge, von denen jeder Horrorfan die Finger lassen würde. In einer der witzigsten Szenen des Films wetten die Mitarbeiter darauf, welche Monster die Studenten ungewollt beschwören werden.

Dann beginnt das Abschlachten. Regisseur Drew Goddard wechselt ständig zwischen beiden Handlungsebenen, zeigt uns, wie die Studenten, die ja eigentlich nicht blöd sind, durch Manipulationen dazu gebracht werden, doch die gleichen idiotischen Fehler zu begehen, die man aus Backwoods-Filmen kennt. Allein spazieren gehen, Sex im Wald, und natürlich der Klassiker: sich trennen.

Was Cabin in the Woods neben anderen Aspekten, um die es gleich noch geht, so auszeichnet, ist seine Ambivalenz. Die Studenten sind zwar nett (und jeder, der viel Backwoods-Horror gesehen hat, weiß, wie selten das ist), aber die Mitarbeiter der Organisation sind ebenfalls keine Ungeheuer. Okay, abgesehen von denen in den Käfigen, aber die lassen wir mal weg. Hadley und Co. sind ganz normale Menschen, die ihren Job so angehen wie es auch ein Buchhalter oder ein Verwaltungsangestellter tun würde, mit dem Unterschied, dass ihr Job darin besteht, Menschen rituell zu ermorden, damit die Welt nicht untergeht. Eigentlich sind sie die Guten.

Plakat zu Cabin in the Woods

Als Zuschauer fühlt man sich hin und her gerissen. Man will nicht, dass die Studenten sterben, aber man will auch nicht, dass die Welt endet, und so fragt man sich nach einer Weile, welches Ende der Film wohl nehmen wird. Ohne auch das noch zu verraten, nur soviel dazu: Goddard und Whedon haben das perfekte und rückblickend einzig mögliche Ende genommen.

Diese Punktlandung rundet einen Film ab, der für mich zu den besten dieses Jahres zählt. Ähnlich wie Scream zitiert und parodiert er sein Genre, aber während Scream an der Oberfläche bleibt, führt uns Cabin in the Woods mit jeder Sequenz tiefer. Er beantwortet all die Fragen, die man sich in Filmen wie Evil Dead ständig gestellt hat:

  • Wie zur Hölle kommt ein tausend Jahre altes Buch in eine Hütte mitten in Arkansas?

  • Was ist so geil daran, ein Wochenende in einer verranzten Hütte mitten im Wald zu verbringen?

  • Warum fahren sie nicht einfach wieder nach Hause, nachdem sie den unheimlichen Keller entdeckt haben?

  • Wieso benehmen sich alle wie Idioten?

  • Wieso überleben immer die selben?

  • Was soll das Ganze überhaupt?

Und er beantwortet sie so brillant, dass ich nicht mit dem armen Schwein tauschen möchte, das den nächsten Backwoods-Horror dreht. Whedon und Goddard haben mit einem Streich ein ganzes Genre beendet. Sie haben den Vorhang zurückgezogen und uns den Puppenspieler gezeigt; das Ding ist durch.

Wenn jeder Film so wäre wie Cabin in the Woods, würde ich den Rest meines Lebens im Kino verbringen und irgendwann als schrecklich deformierte Popcornmutation aufgefunden und von Spezialtruppen mit Flammenwerfern gestoppt werden.

Gibt Schlimmeres.

5/5