Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Carriers

Der Eröffnungsfilm des 23. Fantasy-Filmfests klang durchaus vielversprechend: vier Leute fliehen vor einer Seuche durch ein apokalyptisches, menschenleeres Amerika. In der Hauptrolle Chris Pine (kennt ihr als den neuen Captain Kirk), in einer Nebenrolle ein Typ, der aussieht wie Jason Statham, aber nicht so heißt.

Carriers fängt gut an. Zwei Männer und zwei Frauen fahren in einem gestohlenen Mercedes, auf dessen Motorhaube die Worte Road Warrior stehen über einen menschenleeren Highway. Aus Gesprächsfetzen erfährt man, dass eine Seuche fast die gesamte Menschheit ausgelöscht hat und dass die vier auf dem Weg zur Küste sind, wo sie die Krankheit aussitzen wollen. Die komplette Prämisse des Films wird in ungefähr zwei Minuten erklärt, sehr viel mehr erfährt man zum Hintergrund nicht. Ist auch unnötig, schließlich haben wir alle schon mal einen Virus-löscht-die Menschheit-aus-Film gesehen und kennen die Regeln.

Wir wissen, dass von den vieren mindestens einer infiziert werden wird, einer der Typen ein Arschloch sein muss, einer ein Weichei, eine der Frauen zickig und die andere Mutter Theresa in jung und ohne den Jesus-Komplex. Wir wissen, dass die Gruppe ein paar Gestörten begegnen wird, einigen Kranken, einer Menge Leichen und dass mit hoher Wahrscheinlichkeit das eine oder andere wild gewordene Haustier auftauchen wird. Wir hoffen dabei auf einen gewissen Ekelfaktor und gelegentliche Schockmomente mit einem Schuss Humor. Das ist okay so, nicht jeder Film muss sein Genre neu erfinden. Aber wenn ein Film wirklich alle Klischees bedient, stellt man sich irgendwann (bei Carriers ungefähr nach dreißig Minuten) die Frage, warum er überhaupt gedreht wurde. Warum macht man sich die Mühe, ein Drehbuch zu schreiben, Schauspieler zu besetzen, einen mexikanischen Imbisswagen zum Drehort zu bestellen und wochenlang in der Wüste abzuhängen, wenn man dem Genre nichts hinzuzufügen hat?

Ein halbwegs cooler Virus hätte mir ja gereicht; ihr wisst schon, so einer, bei dem die Befallenen explodieren oder Amok laufen oder am besten beides, nur nicht in der Reihenfolge. In Carriers bestehen die Symptome jedoch nur aus ein bisschen Ausschlag und gelegentlichem blutigen Husten. Ich habe nichts gegen Minimalismus, aber hey, bei Viren in einem Virenfilm ist das der völlig falsche Ansatz. Und kommt mir bitte nicht damit, dass die Seuche nur eine Metapher für den Verfall der Gesellschaft ist, der sich in den Beziehungen zwischen den Charakteren widerspiegelt. Das ist a) mir egal b) kein Grund für einen so lahmarschigen Virus.

Die Inszenierung ist leider auch kaum besser als der Virus. Mit gleichbleibender Geschwindigkeit trottet der Film seinem Ende entgegen, ohne ein Mal schneller oder langsamer zu werden. Dass man sich trotzdem nicht langweilt, liegt zum einen an der guten Besetzung und zum anderen an einigen Momenten, in denen der Film unerwartet gut wird. Das Ende reicht dann fast aus, um mich mit Carriers zu versöhnen, doch empfehlen kann ich ihn nur Chris-Pine-Fans und Leuten, denen 28 Days Later zu hart war.