Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Das Hulk-Massaker

Eine kurze Warnung an alle, die sich Hulk in Deutschland ansehen wollen. Lasst es einfach. Zu behaupten, der Film sei geschnitten, würde nicht einmal ansatzweise das Ausmaß widerspiegeln, mit dem die Concorde in Hulk eingegriffen hat. Während des Showdowns hatte ich sogar einen kurzen Hypochonder-Anfall und wollte zum Arzt gehen, weil ich dachte, ich würde an dieser komischen Krankheit leiden, bei der man sekundenweise einschläft, ohne es zu merken. Hulk reißt einen Polizeiwagen auseinander - Sekundenschlaf - Hulk beugt sich über den Gegner - Sekundenschlaf - der Böse klettert auf ein Dach - Sekundenschlaf - und so weiter. Ein netter Kinomitarbeiter klärte mich nach dem Film jedoch darüber auf, dass nicht etwa mein Gehirn aus Hulk eine Konfetti-Parade gemacht hatte, sondern der Verleih.

Damit seid ihr gewarnt, also können wir jetzt mit der Kritik weitermachen.

Seien wir mal ehrlich: Bruce Banner ist nicht unbedingt der interessanteste Mensch auf dem Planeten. Ein netter Kerl mit einer netten Verlobten, einem netten Job und netten Freunden. Wenn er nicht das grüne Ungeheuer in sich hätte, würde sich keiner für ihn interessieren, außer seiner netten Verlobten und seinen netten Freunden vielleicht. Wenn man Hulk sieht oder liest, wartet man eigentlich nur darauf, dass endlich der Grüne auftaucht. Mit diesem Problem kämpfte schon die Fernsehserie, und auch Ang Lees (etwas unfair abgekanzelte) Hulk-Fassung fand keine Lösung dafür. Dem neuen Hulk gelingt aber etwas Bemerkenswertes: nicht nur interessiert man sich null fürBanner, man verliert nach wenigen Szenen auch das Interesse am Hulk. Er ist nicht die Naturgewalt, die er sein sollte, keine geballte Zerstörungswut, sondern eine gepeinigte Kreatur, die nett zu den Guten ist und auch mal Angst vor einem Gewitter haben darf. Kurz gesagt ist Hulk King Kong.

Schade nur, dass Hulk nicht King Kong sein sollte. Er ist das Tier in uns, der Teil, der gerne mal mit Autos um sich werfen und ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legen würde. Wenn der Hulk daran keinen Spaß hat, dann haben wir es als Zuschauer auch nicht. Während der Actionsequenzen (ok, das, was man in Deutschland davon sehen konnte) musste ich immer wieder an die Szene in Cloverfield denken, als der abgeschlagene Kopf der Freiheitsstatue durch die Straßen von New York polterte und hinter mir im Kinosaal jemand sagte: “Boah, Alter, ist das geil”. Hulk hat keinen einzigen Boah-Alter-ist-das-geil-Moment, er hat noch nicht einmal einen Boah-fett-Moment, höchstens mal hier und da eine Jo-ganz-nett-Sequenz.

Zur Besetzung sei nur soviel gesagt: Edward Norton kann mit Bruce Banner ebenso wenig anfangen wie wir als Zuschauer, Liv Tyler haucht ihre Dialoge, als habe sie Angst, jemand könne sie verstehen, William Hurt hat sichtlich keine Ahnung, wen er da eigentlich spielt, und Tim Roth böselt so vor sich hin. Die vier Gastauftritte, von denen der letzte sicherlich der Höhepunkt des ganzen Films ist, will ich hier nicht verraten.

Und da dies eine ausgewogene Kritik werden soll, kurz noch was Nettes: der Hulk hat eine tolle Farbe. Das ist nicht mehr das Laubfrosch-im-Regen-Grün aus der Ang-Lee-Version und auch nicht das Alienkotze-Grün aus der Fernsehserie, sondern eine dunklere, leicht metallisch wirkende Farbe, die tatsächlich so aussieht, als könnten Kugeln daran abprallen. Das ist doch schon was, oder?