Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Der Hobbit - eine unbefriedigende Reise

Die folgende Kritik ist auch auf SFR erschienen.

Wenn Der Hobbit nach einer rund fünfzehnminütigen Einleitung mit der eigentlichen Handlung beginnt, solltet ihr euch im Kinosessel zurücklehnen und Hallo Bilbo sagen oder von mir aus auch denken, wenn euch das zu peinlich ist. Ein Danke, Martin schadet ebenfalls nicht, denn ohne Bilbo Baggins, den Hobbit, den wir auf seinem großen Abenteuer begleiten, und den Nuancen, die Schauspieler Martin Freeman der Figur abgewinnt, würde The Hobbit in der Kategorie “Fehlgeschlagene Verfilmung” landen. So kriegt er gerade noch die Kurve.

Eine sehr enge, steile, von Glatteis bedeckte Kurve.

Die Geschichte des Hobbit ist einfach: Der träge gewordene, in seiner Routine verhaftete Hobbit Bilbo wird vom Zauberer Gandalf überredet, ihn und eine Gruppe Zwerge zu begleiten, die in ihre Heimatfestung zurückkehren wollen. Dort lauert allerdings (möglicherweise) der Drache Smaug, der den gewaltigen Goldschatz der Zwerge als seine Beute betrachtet. Zwar hat man Smaug seit sechzig Jahren nicht mehr gesehen, aber ob er wirklich verschwunden oder gestorben ist, kann niemand sagen. Zwerge, Zauberer und Hobbit begeben sich also auf eine abenteuerliche Reise mit unsicherem Ausgang.

Das hat Regisseur Peter Jackson ebenfalls getan. Seine Entscheidung, den Film mit 48 Bildern pro Sekunde zu drehen und damit eine noch nie da gewesene Schärfe zu erzielen, war mutig. Leider war sie auch verfehlt.

Schon bei der ersten Aufblende ging ein Raunen durch den Saal, so als würden die vierhundert Zuschauer in diesem Moment alle das gleiche denken: “So etwas habe ich noch nie gesehen, aber ich weiß nicht, ob ich es jemals wieder sehen will.”

Das Gefühl zieht sich durch den ganzen Film. Die Tagszenen sehen aus wie eine BBC-Naturdoku; “David Attenborough’s New Zealand” könnte eingeblendet werden, ohne dass es verwundern würde. Durch den Hyperrealismus der Bilder wirken die langen Kamerafahrten über wilde Landschaften, die einen in Der Herr der Ringe noch tief in Mittelerde eintauchen ließen, beschreibend und dokumentarisch. Die Wirklichkeit holt einen immer wieder ein, egal, wie sehr man versucht, Teil der Fantasywelt zu werden.

Dieses Problem wird besonders offensichtlich in Szenen mit Spezialeffekten. Actionszenen, die im Tageslicht spielen, sind unscharf und leiden unter dem schon viel beschriebenen Benny-Hill-Effekt:

Actionsequenzen in Kunstlicht oder bei Nacht haben die weiche Optik von Videospiel-Cutscenes. Bei einer besonders langen, wenn auch geilen Verfolgungsjagd im Inneren eines Bergs bemerkte ich auf einmal, dass meine Finger unbewusst die WASD-Position eingenommen hatten.

Die HFR-Technik wirkt sich ebenfalls auf Masken und Make-up aus. Bei den Zwergen sieht man in manchen Nahaufnahmen die Übergänge von Latex auf Haut, während Hugo Weaving und Cate Blanchett, um ihren Alterungsprozess zu vertuschen, derartig zugekleistert sind, dass ich dachte, ihre Köpfe würden jeden Moment unter dem Gewicht des Make-ups abknicken.

Mit HFR wollte Jackson Mittelerde und seine Bewohner zugänglicher und wirklicher machen, aber das Gegenteil ist eingetreten. Das ist wie bei Computerspielen, die sich um realitätsnahe Grafiken bemühen, doch damit nur erreichen, dass ihre Unzulänglichkeiten umso deutlicher auffallen. Spezialeffekte wirken deplatziert, das Auenland wird zu Neuseeland, und Zwergenkrieger verwandeln sich in kleine dicke Männer mit Gumminasen.

Normalerweise würde ich nicht so viel über einen technischen Aspekt schreiben, aber HFR beeinflusst den Hobbit so stark, dass man nicht daran vorbeikommt. Mir hat er das, was im Englischen als “suspension of disbelief” bezeichnet wird, also die Möglichkeit, die Wirklichkeit zu vergessen und für knapp drei Stunden so zu tun, als gäbe es Orks und Zwerge, genommen.

Der Hobbit ist lang, in einigen Dialogsequenzen auch langatmig, aber nie langweilig. Dazu passiert einfach zuviel. Die Protagonisten werden von einer Actionsequenz in die nächste geschleudert, was darüber hinwegtäuscht, dass der Film eigentlich kaum Handlung hat. Wie auch schon im Buch begegnet man nacheinander einer Reihe von Wesen, die bezwungen werden müssen, damit die Reise weitergehen kann. Dieser episodenhafte Aufbau und die Tatsache, dass man keine Sekunde am Überleben der Helden zweifelt, verhindert echte Spannung. Man wird unterhalten, zeitweise sogar sehr gut, aber man fiebert nie mit.

Bilbos Reisebegleiter, nennen wir sie mal “die Klamaukzwerge”, werden bis auf Thorin kaum charakterisiert und dessen Rollenbeschreibung reduziert sich auf “brütet viel”. Die anderen liefern Informationen, wenn sie benötigt werden, und gelegentlich einen Schuss Humor. Dass man sie trotzdem auseinanderhalten kann, ist den Maskenbildnern und Kostümdesignern zu verdanken, die jeden Zwerg zum Individuum machen. Im Drehbuch merkt man nichts davon.

Zwerge als NPCs NPC-Zwerge: Jetzt auch mit klassischem Fragezeichen über dem Kopf.

Trotz aller Kritik: Der Hobbit ist kein misslungener Film. Das liegt zum einen an den phänomenal inszenierten Actionsequenzen, vor allem in der zweiten Hälfte, zum anderen, wie schon erwähnt, an den großartigen Schauspielern. Martin Freeman ist die Seele des Films, während Ian McKellen als Gandalf eine solche Weisheit und Güte ausstrahlt, dass Morgan Freeman um seine nächsten Gottrollen fürchten muss. Andy Serkis gelingt es, wie auch schon in Der Herr der Ringe, mit Gollum eine Figur zu erschaffen, die man gleichzeitig verachtet und bemitleidet. Die berühmte Rätselszene, in der er und Bilbo versuchen, einander auszustechen, gilt zu recht als einer der Höhepunkte des Films, obwohl auch sie zu lang ist.

Am Ende des Films sitzt man mit gemischten Gefühlen im Saal, was wohl auch an dem uninspirierten Popsong liegt, der über den Abspann dudelt. Die Rückkehr nach Mittelerde mag eine gewisse nostalgische Sehnsucht erfüllen, aber Nostalgie bedeutet immer auch einen Rückzug auf sicheres Gelände und einen Rückschritt in die Vergangenheit. Dabei kann ein unterhaltsamer Film herauskommen, aber niemals ein interessanter.

Und so ist Der Hobbit dann auch.

3/5