Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

District 9

Kommen wir mal wieder direkt zur Sache:

Ja, der Hype, der District 9 umgibt, ist berechtigt.

Ja, er macht so viel Spaß, wie der Trailer vermuten lässt.

Ja, er ist echt blutig.

Nein, er ist kein Meisterwerk, nur ein sehr, sehr guter Film.

Über eine Million Aliens stranden mit ihrem Schiff in Johannesburg und werden in einem Flüchtlingslager untergebracht. Nach zwanzig Jahren ist aus diesem Lager ein Slum geworden, das die Bewohner der Stadt zunehmend als Bedrohung wahrnehmen. Um eine Eskalation der Gewalt zu vermeiden, beschließt die Regierung, eine Firma anzuheuern, die die Aliens in ein weiter entferntes Lager umsiedeln soll. Chef dieser Operation ist Wikus van de Merwe, der eigentlich ganz nette, aber rassistische und nicht gerade hochintelligente Schwiegersohn des Firmenbosses. Unter seiner Leitung verläuft die Evakuierung alles andere als glatt.

District 9 ist zu einem Teil Alien Nation, zu einem Starship Troopers, zu wieder einem Robocop und zu guter Letzt ein vierter Film, den ich aber nicht verraten kann, weil das ein Spoiler wäre. Die Versatzstücke sind bekannt, aber die Kunst des Films besteht darin, sie so brillant miteinander zu vermischen, dass man ständig überrascht wird. Immer wieder glaubt man zu ahnen, was als nächstes geschehen wird, nur um eine Sekunde später zu denken: “Oh, doch nicht”.

District 9 beginnt als Mocumentary, hält sich aber nicht an die Regeln des Genres, denn es wird munter hin und her geschnitten, Kamera und Erzählweise bleiben nicht subjektiv. Das ist so ähnlich, als schlüge man ein Buch mit einem Ich-Erzähler auf, der einige Kapitel später von einem Erzähler in der dritten Person abgelöst wird. In Büchern gilt so etwas als großes “Bah!”, im Film vielleicht auch, was erklären würde, weshalb ich so etwas noch nie gesehen habe. Das beweist jedoch nur, dass man jede Regel brechen darf, wenn man nur gut genug ist. Und das ist Regisseur Neill Blomkamp, denn der Film funktioniert gerade wegen seiner ungewöhnlichen Erzählweise.

Kommen wir zu den Aliens: die sehen aus wie eine Mischung aus Dr. Zoidberg und dem Zeug, was nach 20:00 Uhr von der Fischtheke bei Kaufhof gekratzt wird und wirken fremd und ein wenig asi. Das legt sich im Verlauf des Films kaum, es gibt kein echtes Verständnis zwischen Wikus und den Aliens. District 9 will das auch nicht. Es geht schließlich darum, wie wir mit Fremden umgehen.

Das ist der große Unterschied zwischen District 9 und Alien Nation. In letzterem findet James Caan schnell heraus, dass es für viele Dinge in seiner Kultur ein Äquivalent in der seines Alien-Partners gibt. District 9 macht es uns nicht so leicht.

Ups, ich lese gerade noch mal die letzten Zeilen und merke, dass es so klingt, als würde ich über einen Schwafel-Gutmenschenfilm reden, deshalb schnell ein Themawechsel:

Zur Action. Es kracht nicht so oft, wie man glauben sollte, aber wenn, dann richtig. District 9 bietet Schießereien, Prügeleien, Explosionen (nein, nicht nur Autos, sondern natürlich auch Menschen) und einige andere Dinge, die einen in der Spätvorstellung vor Müdigkeit bewahren. Es fließt massenhaft Blut, es gibt herrenlose Körperteile und ein wenig Gesplattere.

Am 10.09. wird District 9 in die deutschen Kinos kommen. Wenn ihr die Möglichkeit habt, seht ihn euch im Original an, da die südafrikanischen Dialekte viel zur Atmosphäre beisteuern und Hauptdarsteller Sharlto Copleys “Foook!” richtig geil klingt. Er ist übrigens toll als Wikus.

Obwohl ich nur positives über den Film sage und trotz des Hypes nicht enttäuscht worden bin, ist District 9 für mich kein Meisterwerk. Es fehlt der letzte Schritt, dieses kleine bisschen Innovation, dieser Moment der Genialität, der ihn auf eine Ebene mit SF-Filmen wie Alien katapultieren würde. Geil ist er trotzdem.