Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Ende einer Legende

Gerechnet hat damit wohl kaum jemand, geschehen ist es trotzdem: Angel wird mit Ende der fünften Staffel eingestellt. Doch niemand scheint so recht zu wissen, warum.

Offener Brief von Joss Whedon (Quelle: www.bronzebeta.com)

Einige von euch werden die lustigen Neuigkeiten schon gehört haben. Ich denke, dies ist ein guter Zeitpunkt, um etwas dazu zu sagen und um einige Fragen zu beantworten: Nein, wir wussten nichts davon. Ja, wir werden die Staffel beenden. Nein, ich glaube nicht, dass WB das Richtige tut. Ja, ich bin froh, dass es so früh geschah und meine Leute noch Zeit haben, sich nach anderen Jobs umzusehen.

Ja, es bricht mir das Herz.

Als Buffy endete, war ich darauf vorbereitet und konnte die Serie loslassen. Als Firefly rausgeworfen wurde, habe ich mich so heftig geweigert das zu akzeptieren, dass vermutlich ein Film herausspringen wird. Aber Angel… wir hatten den Eindruck, dass wir endlich obenauf waren, dass wir unsere Richtung gefunden hatten, doch stattdessen ritten wir schnurstracks in die Hölle. Mich verbindet so viel mit diesen Charakteren, mit den Schauspielern und den Geschichten, die wir erzählen. Wenn ihr wissen wollt, wie ich mich fühle, müsst ihr euch nur den ersten Akt von „The Body“ ansehen.

Über TV-Filme oder ähnliches will ich im Moment nicht nachdenken. Um ehrlich zu sein, hoffe ich, dass meine Schauspieler und Autoren zu beschäftigt sein werden. Das Finale dieser Staffel und der Serie war von Anfang an als großer Abschluss gedacht (und natürlich als Plattform für die nächste Staffel). Wir werden nichts daran ändern.

Ich war nie sonderlich gut darin, konventionelles Fernsehen zu machen. Ich mag Überraschungen und im Fernsehen geht es nicht um Überraschungen, außer wenn jemand aus irgendwas heraus gewählt werden soll. Ich hatte das Glück, diese seltsamen Serien zwischen anderem versteckt eine Weile über den Äther schicken zu können. Ich FÜHLE dieses Glück zwar nicht, aber ich weiß, dass ich es hatte.

Ich möchte euch für eure Unterstützung danken, für eure Gemeinschaft und für eure geistig völlig gesunde Begeisterung. Das hat mir viel bedeutet. Ich bereue nichts (abgesehen von einer Reihe brutaler Morde in den 80ern… was habe ich mir nur dabei gedacht?). Denkt an die Worte des Dichters:

„Zwei Wege trafen sich und ich nahm den Weg, auf dem weniger reisten und SIE HABEN MEINE VERDAMMTE SERIE ABGESETZT! Hätte ich doch nur den Weg genommen, auf dem all diese Leute waren. Verdammt.“

Bis bald.

-j.

Irgendwie laufen diese Dinge immer gleich ab. Den Berichten über schlechte Quoten und hohe Produktionskosten folgen erste Gerüchte über eine Einstellung. Nach heftigen Dementis aller Beteiligten meldet sich meist mehrere Wochen später ein Autor oder Produzent und gibt die Entscheidung des Senders bekannt, die Serie X einzustellen. Dank des Internets ist das Fandom innerhalb von Minuten auf Defcon 5. Mails werden geschrieben, Adressen der Verantwortlichen bekannt gegeben, es gibt Online-Petitionen, Fax- und Telefon-Terror und mehr oder weniger phantasievolle Aktionen. Unterstützt wird das Ganze von den Serienmachern, Schauspielern und Autoren.

Manchmal gewinnt man, wie die Kampagne um Farscape beweist, manchmal verliert man, wie die Fans von Roswell wissen. Und manchmal gewinnt man, obwohl es besser gewesen wäre, man hätte verloren. Wer die fünfte Staffel von Babylon 5 gesehen hat, weiß, wovon ich rede.

Es passt zu Joss Whedon, dass selbst die Absetzung seiner letzten Serie nicht den gängigen Klischees entspricht.

Jugendwahn und Quotentod

In den USA läuft Angel auf dem jungen Sender WB. Der hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Buffy-Ablegerserie nicht gerade mit tollen Quoten glänzt. Es gab mehrere Sendeplatzwechsel und schließlich setzte WB den Produzenten Joss Whedon und David Greenwalt den Pflock aufs Herz: Entweder Spike taucht in Angel auf, oder Angel taucht ab.

Auch musste der bereits zwei Staffeln umfassende Handlungsbogen beendet werden, weil man hoffte, dass Zuschauer nach dem Ende von Buffy mit Spike zusammen zu Angel wechseln würden. Und diese Zuschauer sollten nicht kopfkratzend vor einem undurchschaubaren Beziehungsgeflecht stehen.

Whedon und Greenwalt beugten sich dem Druck und allen Unkenrufen zum Trotz (ok, ich war eigentlich die einzige Unke, aber ich habe dafür umso lauter gerufen) ging die Rechnung auf. Die Zuschauerzahlen von Angel verbesserten sich tatsächlich. Die Serie hatte ein neues Publikum gefunden. Natürlich kann man über die Frage spekulieren, ob die Zuschauer wegen Spike zu Angel kamen, oder ob sie ein Leben ohne Joss-Whedon-Serie einfach als nicht lebenswert betrachteten und auch angefangen hätten, mexikanische Seifenopern zu sehen, wenn Whedon dafür geschrieben hätte.

In jedem Fall wurden die Quoten besser. Eine kürzlich veröffentlichte Statistik belegt sogar, dass Angel eine der wenigen WB-Serien war, die ihr Publikum in diesem Jahr vergrößern konnte. Ganze zehn Prozent legte die Serie zu, während Charmed gerade mal ihr Publikum halten konnte und Smallville sogar fünfundzwanzig Prozent der Zuschauer einbüßte. Vom langsamen Quotentod kann man hier wohl nicht sprechen.

Anfang Februar wurde die einhundertste Folge Angel ausgestrahlt. Es gab Pressetermine, eine Party, viele Fotos und zufriedene Reden der WB-Manager. Eine Einstellung schien in weiter Ferne zu liegen. In den Listen der gefährdeten Serien, die immer mal wieder veröffentlicht werden, suchte man Angel vergeblich und abgesehen von ein paar seltsamen Gerüchten gab es keinen Hinweis auf die Granate, die nur wenige Wochen später einschlug.

Die Nachricht von der Absetzung traf nicht nur das Fandom aus heiterem Himmel. Selbst renommierte Branchenblätter wie Variety und Hollywood Reporter zeigten eine gewisse Fassungslosigkeit. Wieso, so fragte man sich, stellt ein Sender eine Serie ein, deren Quoten steigen und die auf ihrem Sendeplatz um 21:00 Uhr einen Großteil des Publikums von Smallville, die unmittelbar davor läuft, hält?

Die Antwort auf diese Frage lieferte WB einige Tage später. Man wolle frisches Blut auf dem Sender, sagten die Verantwortlichen. Eine Serie wie Angel sei mit ihren fünf Jahren zu alt. Neue, junge Serien seien gefragt, um WB ein ebenso neues und junges Publikum zu bringen.

Häh?

Diese Begründung ergibt nicht wirklich Sinn. Normalerweise bemühen sich Sender eine Serie so lange wie möglich am Leben zu halten, denn Serien mit einem etablierten und treuen Publikum sind Gold wert. Hinzu kommt, dass mehr als achtzig Prozent aller neu gestarteten Serien das zweite Jahr nicht überleben, jedoch durch den Werbeaufwand, den man um sie treiben muss und wegen der Setbauten und anderer Neuerschaffungen sehr teuer sind.

Richtig lustig wird es allerdings erst, wenn man weiß, mit welcher frischen, jungen Serie WB sein frisches, junges Publikum ziehen will: Der Titel dieser Serie lautet Dark Shadows – und es handelt sich um das Remake einer Vampir-Seifenoper aus dem Jahr 1966. Da fragt man sich, ob nächstes Jahr vielleicht Smallville in ihrer vierten Staffel eingestellt wird, um Platz zu machen für eine jüngere Serie, zum Beispiel ein Remake von Vom Winde verweht? Natürlich dürften alle Darsteller höchstens zwölf sein, leiten neben der High School problemlos weltumspannende Konzerne und können aller zwei Wochen auf ihrer Plantage vom Zuschauer raus gewählt werden.

Während also hinter den Kulissen fragwürdige Dinge geschehen, laufen die Fan-Kampagnen mit gewohntem Enthusiasmus. Gerade in und um Los Angeles wird einiges auf die Beine gestellt und es scheint, als ließe sich kein Fan davon abhalten, obwohl Whedon und Greenwalt in Interviews mehrmals darum gebeten haben, kein Geld und keine kostbare Zeit für solche Kampagnen zu opfern.

Whedons offener Brief zeigt, dass er nicht an ein neues Zuhause für Angel glaubt. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Serie mit der 22. Folge ihrer 5. Staffel enden. Und dann tritt der Fall ein, vor dem ich mich mehr fürchte, als vor einer Invasion clownsgesichtiger Aliens oder vor einer Zwangsbestrahlung mit französischen Chansons: ein Joss Whedon freies Fernsehprogramm.

Was für ein Horror…