Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Unendliche Weiten und schreckliche Enge - Kritik zu Gravity

Achtung: Spoiler!

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Der Trailer zu Gravity sah zwar geil aus, aber ich dachte, das wäre einer von diesen Fakes so wie die Bilder der Burger in Fast-Food-Restaurants. Ihr wisst schon: fettes, saftiges Rinderhack und Salat, von dem Wassertropfen perlen auf dem Foto, Soylent Green auf dem Teller.

Im Trailer rummst es ganz gewaltig. Bei den Ausschnitten schien es sich aber um Szenen aus den ersten fünf Minuten zu handeln und ich war mir sicher, der Rest des Films bestünde aus langweiligem Gelaber zwischen Bullock und Clooney mit gelegentlichen dramatischen Einwürfen wie “Oh mein Gott, ich habe nur noch für eine halbe Stunde Sauerstoff”.

Das dachte ich.

Oh Mann, lag ich falsch.

Gravity rummst von der zweiten bis zur neunundachzigsten Minute, und bei einer Lauflänge von gerade mal neunzig Minuten ist das schon ordentlich.

Die Geschichte lässt sich schnell umreißen. Sandra Bullock spielt eine Wissenschaftlerin, die eine Woche an Bord der ISS verbringen soll und Shuttle-Pilot George Clooney und seinem Kollegen bei der Reparatur eines Satelliten hilft. Parallel dazu schießen die Russen einen ihrer eigenen Satelliten ab, was zu einer Kettenreaktion führt, die Trümmerfelder wie Geschosse durch die Umlaufbahn rasen lässt - das Ergebnis seht ihr im Trailer.

Das Shuttle wird zerstört, Clooney und Bullock treiben hilflos im All, aber was nun folgt, ist nicht etwa pseudophilosophisches Gelaber (okay, vielleicht ein bisschen), sondern eine knackige, spannend und schnell erzählte Geschichte vom Überleben in einer Extremsituation.

Clooney spielt Shuttle-Piloten Matt mit einer souveränen Gelassenheit, Bullock wirkt als Dr. Ryan Stone verstört, gestresst und überfordert. Die Metamorphose, die ihre Figur durchmacht, zeigt uns Regisseur Alfonso Cuaron in einigen kurzen, von Anspielungen auf Tod, Wiedergeburt und Evolution geprägten Bildern. Das klingt jetzt relativ abstrakt, verleiht Ryan aber eine Tiefe, die weit über die Frage: “Packt sie es oder packt sie es nicht?” hinausgeht.

Poster zu GravityDer heimliche Star von Gravity ist jedoch die titelgebende Schwerkraft, beziehungsweise deren Fehlen. Ich kann mich an keinen Film erinnern, der die Eleganz und die gleichzeitig unbeholfene Schwerfälligkeit, die damit verbunden sind, so perfekt eingefangen hat. Mal schwimmt Ryan schnell und sicher wie ein Delphin durch die Gänge einer Raumstation, nur um im nächsten Moment an etwas so simplen wie einem Feuerlöscher zu scheitern. In diesen Sequenzen erkennen wir als Zuschauer, wie fremd und gefährlich das Leben außerhalb unseres Lebensraums wirklich ist.

Cuaron kombiniert diese Elemente immer wieder. Die klaustrophische Enge der ISS wechselt sich mit Bildern des unendlich weiten Alls ab, in dem Menschen innerhalb weniger Minuten zu sternengroßen Punkten im Nichts werden. Ein Sonnenaufgang am Erdhorizont steht im Kontrast zu tödlicher Kälte und Dunkelheit. Kleines und Großes, Enge und Weite, Schönheit und Schrecken - das sind die Konzepte, mit denen der Film spielt.

Das macht er in so phantastischen Bildern, dass man Gravity auf einer möglichst großen Leinwand sehen sollte. Sogar 3D funktioniert hier ausnahmsweise, vor allem in den Sequenzen, in denen man aus Ryans Helm auf das Geschehen zu blicken scheint.

Ryan allein im AllVorwerfen kann man dem Film nur, dass Ryan zu viel passiert. Sie schlittert so sehr von einer Gefahr in die andere, dass sie zur lebenden Verkörperung von Murphy’s Law wird. Es geht tatsächlich alles schief, was schiefgehen kann. Irgendwann in der Mitte von Gravity wartete ich darauf, die Dreiecksflossen von Haien an den Bullaugen der Raumstation vorbeiziehen zu sehen. Hey, nach Sharknado hätte man auch auf diese Idee kommen können.

Das ist aber nur ein kleiner Makel an einem Film, der auf neunzig Minuten tolle Unterhaltung, überraschende Wendungen und großartige Weltraumeffekte bietet. Wenn es nach mir ginge (tut es natürlich nicht) würde die Schwerkraft den Oscar als beste Hauptdarstellerin bekommen. Verdient hätte sie es.

5/5