Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Gurkenalarm

Ich hatte mich schon gefragt, wann mich die Gurke des Fantasy Filmfests treffen würde. Cabin Fever 2 war nicht toll, okay, aber er brachte wenigstens nicht meine Augen zum Bluten - nur die der Protagonisten. Bei Mutants, einem französischen Endzeit-Virus-Streifen war das leider anders. Zuerst der Traier, dann folgt meine spoilerlastige Heulerei über neunzig Minuten verschenkter Lebenszeit.

Wenn man den Trailer sieht, könnte man auf die Idee kommen, Mutants wäre wie Haute Tension oder einer der zahlreichen anderen französischen Horrorfilme, die man in letzter Zeit sehen konnte: krasse Gewalt, wenig Story. Mutants erfüllt beides, fügt aber noch eine dritte, neue Kategorie hinzu: gähnende, nicht enden wollende, das Gehirn wie einen Virus zerfressende Langeweile.

Fangen wir bei der “Handlung” an. Es geht um Sonia und Marco, ein Paar, das zusammen mit einer namenlosen Soldatin in einem Krankenwagen auf der Suche nach der NOAH-Basis ist. Dort leben angeblich die letzten gesunden Menschen. Der Rest Frankreichs (oder der Welt) wird von Zombies bevölkert, die herumrennen und Menschen umlegen. Nach ungefähr zwei Minuten hofft man, die nervige Soldatin möge bald das Zeitliche segnen, ein Wunsch, den der Film nach weiteren zehn Minuten erfüllt. Sonia flieht daraufhin mit ihrem verletzten und infizierten Freund in ein riesen Gebäude, laut Pressemitteilung angeblich ein Krankenhaus, was aber nie richtig klar wird. Marco degeneriert, kotzt seine Organe aus (übrigens neben abfallenden Fingernägeln ein Leitmotiv des Festivals), wird gewalttätig, während Sonia verzweifelt versucht, ihn zu retten. Sie selbst ist immun. Das erwähnt der Film ebenso unmotiviert wie ihre Schwangerschaft, die erst enthüllt wird, als sie in die Handlung passt. Schließlich gibt Sonia Marco sogar eine Bluttransfusion, aber es hilft nichts. Er wird zum Zombie. Sonia tut, was jede liebende Freundin tun würde: sie sperrt ihn in einen dunklen, halb unter Wasser stehenden Verschlag. Keine Ahnung, was gegen eines der ungefähr fünfhundert Zimmer spricht, aber Sonia wird es schon wissen.

Irgendwann tauchen, angelockt durch Sonias Funksprüche, andere Überlebende auf. Die sind ziemlich scheiße, verlangen von ihr den Schlüssel zum Krankenwagen, schlagen sie und wirken auch sonst wie die letzten Menschen, denen man in einem Endzeitfilm begegnen möchte. Knarren haben sie zwar, aber auf so Ideen wie “Schließen wir doch mal die Tür, damit die Zombies draußen bleiben”, kommen sie nicht. Einige absehbare Wendungen später merken das auch die Zombies, und es kommt zum Showdown. Bei dem reaktiviert der Film Marco, der wohl durch Sonias Blut eine telephatische Verbindung zu ihr bekommen hat, denn er spürt ihre Angst und befreit sich.

Telepathie durch eine Bluttransfusion.

Nein, das ist kein Witz.

Der Showdown ist voller ähnlicher Perlen. Da werden Rauchgranaten geworfen, obwohl man selbst im gleichen Raum steht, einer tritt mit einer Machete gegen hochansteckende Zombies an, und niemand, wirklich niemand, kommt mal auf die Idee, den Krankenwagen einfach kurz zu schließen. So klappt das nie mit dem Überleben der Menschheit.

Das alles klingt nach nettem Trash, aber Mutants hat die Optik eines Duisburg-Tatorts und nimmt sich selbst völlig ernst. Marcos Verfall wird zu einem Kammerspiel, bei dem jedes Ereignis aus mindestens fünf Einstellungen gefilmt wird.

Marco steht auf. Schnitt. Er steht von links auf. Schnitt. Er steht von rechts auf. Schnitt. Er steht von links unten mit leichter Schräge auf. Schnitt. Aber jetzt… nein, er steht immer noch auf.

Regisseur David Morlet (ein Name, den ich mir merken werde, um ihm demnächst aus dem Weg zu gehen) begleitet dieses Einstellungs-Ping-Pong mit dem großzügigen Einsatz einer Wackelkamera, was die Illusion von Action erzeugen soll. Klappt übrigens nicht, denn ein Mann, der zehn Sekunden lang aufsteht, ist nicht spannend, egal, wie sehr man ihn verwackelt.

Wenn ihr die Chance haben solltet, Mutants zu sehen, lasst es einfach. Lest 85 Minuten lang ein Buch, topft Blumen um oder kratzt Käsereste von alten Pizzakartons. Euch wird bestimmt etwas Interessanteres als Mutants einfallen.