Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

I wanted to believe

“Scully?”

“Mulder?”

“Scully, kannst du mir mal die Butter reichen?”

“Mulder, du fragst nach der Butter, aber in Wirklichkeit fragst du nach deiner toten Schwester.”

“Scully?”

“Mulder, du wirst sie immer suchen. Die Dunkelheit ist in uns. Alles ist so kompliziert.”

“Äh… Scully?”

“Aber ich werde nicht aufgeben, Mulder. Oder vielleicht doch.”

“Scully, ich will doch nur die Butter.”

Bock auf mehr sinnlose Dialoge? Dann ab ins Kino, und viel Spaß bei Akte-X: Jenseits der Wahrheit.

Der deutsche Titel von The X-Files: I Want To Believe beweist eine fast schon prophetische Weitsicht, so als hätte der Verleih geahnt, dass das Rätselraten um den Titel im Vergleich zum Rätselraten um den Inhalt des Films in den Hintergrund treten würde. Klappt allerdings nicht ganz, denn in den unendlich langweiligen “Scully versucht einen todkranken Jungen zu retten, der uns nicht interessiert”-Sequenzen hat man als Zuschauer genug Zeit, darüber nachzudenken. 

Also was könnte wohl jenseits der Wahrheit liegen? Hm, vielleicht noch mehr Wahrheit? Oder Wahrheit mit einem Sahnehäubchen? Oder ist etwa der Glaube gemeint? Aber wenn man sich die meisten Religionen ansieht, ist dort Glaube gleichbedeutend mit Wahrheit und existiert nicht etwa fünfzig Meter die Straße runter und dann links von der Wahrheit. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass da jemand Wahrheit und Wirklichkeit miteinander verwechselt hat… und überhaupt, was liegt denn eigentlich diesseits der Wahrheit und -

Okay, ich gebe auf. Die Titellästerei ist eigentlich nur der Versuch, das Unvermeidliche herauszuzögern und das nicht zu sagen, was ich sagen muss:

Akte-X: Jenseits der Wahrheit ist scheiße.

So, jetzt ist es raus. Als Akte-X-Fan der ersten Stunde hätte ich gern etwas anderes geschrieben, wenn die Autoren Chris Carter und Frank Spotnitz mich gelassen oder anders gesagt, wenn sie sich während der Arbeiten am Drehbuch irgendwann mal entschieden hätten, wovon der Film eigentlich handeln soll.

Am Anfang glaubt man, dass alles ganz einfach ist: Eine FBI-Agentin ist verschwunden, ein ehemaliger Priester behauptet, Visionen von ihrem Aufenthaltsort zu haben, und Scully überredet Mulder, sich des Falls anzunehmen. Simpel.

ACHTUNG SPOILER

Eine halbe Stunde später hat es sich mit simpel. Die FBI-Agentin ist zwar immer noch verschwunden, aber das interessiert eigentlich niemanden mehr so richtig; Scully versucht einem todkranken Jungen, den das katholische Krankenhaus, in dem sie arbeitet, aufgegeben hat, mit Stammzellen zu retten; der Priester ist pädophil; russische Organhändler sägen mitten in West Virginia Köpfe ab; Mulder glaubt wieder Dinge, die außer ihm niemand glaubt; Scully lässt Mulder im Regen stehen, was weder er, noch die Leute im Kinosaal peilen, und alle reden ständig seltsames Zeug.

ENDE SPOILER

Seltsam ist aber nicht nur das, was im Film geredet wird, sondern auch, wer es sagt. Der Priester wird gespielt vom schottischen Komiker Billy Connolly, keine Ahnung, warum. Getoppt wird diese Besetzung nur noch von Xzibit (ihr wisst schon, der Rapper, der auf MTV in Pimp My Ride alte Schrottkarren in Luxusschlitten verwandelt) als FBI-Agent. Welchen Sinn das ergeben soll, weiß ich auch nicht, aber irgendwie grenzt das schon an Konsequenz: verworrene Handlung, verworrene Besetzung, verwirrte Zuschauer. Hat was.

Traurig wird der Film erst in den wenigen Momenten, in denen die Chemie zwischen Mulder und Scully aufflackert und man sich wieder daran erinnert, was Akte-X zu einem solchen Phänomen gemacht hat. Dann erkennt man, was hätte sein können, an diesem Ort jenseits der Wahrheit oder der Wirklichkeit oder wo auch immer.