Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Ich bin Legende - Zum Tod von Richard Matheson

Richard Matheson Mein Erstkontakt mit Richard Matheson fand im Alter von sechs Jahren statt, als ich die Star-Trek-Folge “The Enemy Within” sah. Darin wird Kirk durch einen Transporterunfall in zwei Hälften gespalten. Ein Teil ist aggressiv, säuft und belästigt Frauen (noch mehr als sonst), der andere ist nett, aber ein Weichei. Die Botschaft dieser Jekyll&Hyde-Geschichte war simpel: All unsere Eigenschaften sind nützlich, Gut und Böse sind nur eine Frage ihrer Gewichtung.

Mit sechs Jahren hat mich das umgehauen, aber als ich die Folge gestern noch mal gesehen habe, fiel mir auf, dass sich hinter dieser scheinbaren Einfachheit viel mehr verbirgt, denn Matheson bringt mit seiner Botschaft Star Trek auf den Punkt. Roddenberry plädierte für Toleranz gegenüber denen, die anders aussehen und sich anders benehmen. Gleichzeitig erschuf er mit dem Dreigestirn aus Kirk, Spock und McCoy Figuren, von denen nur eine wirklich vollständig ist. Spock überbetont das Gehirn, McCoy das Herz. Einzig Kirk kann beides in Einklang bringen.

Wie wichtig das ist, zeigt “The Enemy Within”. Wir können als Menschen nur funktionieren, wenn wir auch unsere negativen Eigenschaften akzeptieren und tolerieren. Wir sind unsere eigene kleine Föderation.

The Shrinking ManDiese Vielschichtigkeit, die sich hinter scheinbar simplen “Was-wäre-wenn?”-Konzepten verbirgt, findet man in Mathesons besten Geschichten. In The Shrinking Man (Die unglaubliche Geschichte des Mr. C) stellt er die Frage, was passieren würde, wenn jemand immer weiter schrumpft. Das führt zu einer ganzen Reihe von Actionsequenzen. Scott wird von einer Hauskatze verfolgt und kämpft im Keller gegen eine für ihn riesige Spinne, aber gleichzeitig geht es um Identität, um unsere Vorstellung von Normalität und die Angst vor dem Unbekannten.

I Am Legend, Mathesons wahrscheinlich bekanntester Roman, beschreibt das Leben des letzten Menschen in einer Welt voller Vampire. Er entstand 1954, wurde bisher drei Mal verfilmt und erzählt seine Geschichte auf eine für diese Zeit ungewöhnlich trockene und realistische Weise. Die Vampire sind keine Horrorgestalten, sondern Opfer eines Virus, und Protagonist Neville ist eher Antiheld als Held. Die Welt, die Matheson beschreibt, erinnert er an die, die man später in einer ganzen Reihe von Zombiefilmen wiederfinden würde. George A. Romero nennt I Am Legend und The Last Man on Earth, die erste Verfilmung, in der Vincent Price die Hauptrolle spielte, als Inspiration. Hier sieht man, warum:

Spielberg verdankt Matheson seinen ersten großen Erfolg, denn von ihm stammte das Drehbuch zu Duell, einem Fernsehfilm, in dem ein Autofahrer von einem schwarzen Truck verfolgt wird. Für Rod Serling schrieb er die großartige Twilight-Zone-Folge “Nightmare at 20,000 Feet”. Darin entdeckt der unter Flugangst leidende Protagonist (William Shatner) ein Monster auf der Tragfläche des Flugzeugs, was ihm natürlich niemand glaubt.

Matheson schrieb über zwanzig Romane, rund hundert Kurzgeschichten und über dreißig Drehbücher. Sein Stil war so einfach wie seine Geschichten und ebenso hintergründig. Er selbst sagte darüber: “Ich beschreibe, was passiert und wo die Figuren sind. Weniger ist mehr.”

Richard Matheson verstarb am 23.06.2013. Er wurde 87 Jahre alt.