Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

In Bruges

Eigentlich müsste die Reihe mittlerweile eher EM-Aftershow heißen, aber wenn ich in der Geschwindigkeit weitermache, werde ich die Realität in nur vier Jahren wieder eingeholt haben.

Die Zyniker unter euch werden aufgrund der heutigen Filmauswahl In Bruges, zu deutsch sehr einfallslos Brügge sehen und sterben, wahrscheinlich behaupten, dass ich keine Ahnung hatte, wo Brügge eigentlich liegt und erst während des Films gemerkt habe, dass es sich um eine belgische, keine niederländische Stadt handelt. Das ist natürlich völliger Unsinn. Schließlich weiß jeder, wo Brügge liegt. Wer würde schon auf die behämmerte Idee kommen, das sei in Holland, nur weil im Trailer flämisch gesprochen wird? Hm? Genau. Niemand. Vor allem nicht, weil es sogar auf dem Plakat steht… zwar nicht sehr groß, und man könnte es schon übersehen, wenn man nicht genau hinguckt, ist aber auch egal, weil man ja weiß, wo Brügge liegt.

Nachdem diese möglicherweise peinlichen Irrtümer also aus der Welt geschafft sind, können wir uns dem Film widmen.

In Bruges handelt von zwei Killern, Ken (Brendon Gleeson) und Ray (Colin Farrell), die nach einem fehlgeschlagenen Auftrag von ihrem Boss (Ralph Fiennes) nach Brügge geschickt werden, warum genau, erfährt man anfangs nicht. Während Ken die Kultur und die historischen Bauten der mittelalterlichen Stadt erkundet, geht Ray vor Langeweile beinahe ein - zumindest bis er die dunkle Seite Brügges entdeckt.

Ja, Brügge hat eine dunkle Seite. Das war selbst für mich, obwohl ich ja, wie ihr bereits bemerkt habt, mit Brügge sehr vertraut bin, eine Überraschung. Aber es blieb nicht die einzige. In den ersten sechzig der insgesamt neunzig Minuten präsentiert sich In Bruges als Guy-Ritchie-artige Gangsterkomödie mit einem schier unerschöpflichen Potential an großartigen Nebencharakteren, das von einem schlecht gelaunten Kassierer, über einen peinlichen Kanadier bis hin zu dicken Amerikanern reicht. Den Vogel schießt dabei ein  Kleinwüchsiger namens Jimmy (Jason Prentice) ab, der sich hauptsächlich von Pferdeberuhigungsmitteln ernährt und nach ein paar Gramm Koks auch mal gern recht bizarre rassistische Theorien zum Besten gibt.

Nach rund zwei Dritteln taucht jedoch Ralph Fiennes auf, und damit ändert sich der Tonfall dramatisch. Die Lacher bleiben auf der Strecke, müssen ebenso wie die Leichtigkeit des Films einer Handlung weichen, die sich im Vorfeld zwar schon abgezeichnet hat, trotzdem aber konstruiert wirkt. Man hat den Eindruck, dass Regisseur Martin Mac Donagh nicht richtig wusste, wie er das Ganze zu einem zufriedenstellenden Ende bringen sollte und sich deshalb für die Lösung mit dem höchsten Blutgehalt entschied. Ist im Prinzip nichts gegen einzuwenden, manche Filme wie Die wunderbare Welt der Amelie oder Sex and the City hätten von einem solchen Ansatz profitiert. In Bruges tut es jedoch nicht, denn die Charaktere müssen sich zu sehr verbiegen, um dem Willen ihres Autors folgen zu können.

Empfehlenswert ist In Bruges jedoch trotzdem, nur eben nicht uneingeschränkt. Und Brügge ist, wie ich natürlich aufgrund meiner umfangreichen Reisen durch Belgien bereits vorher wusste, echt schön.