Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Inglorious Basterds

Dieser Film ist groß. Das sage ich nicht nur, weil ich in der dritten Reihe vor einer Leinwand saß, die ungefähr die Größe des besetzten Frankreichs hatte, sondern weil er es ist. Die Charaktere sind groß, das Ziel, das sie verfolgen, ist groß, es gibt keine kleinen Momente und keine Zwischentöne.

Inglourious Basterds beginnt mit einer zehnminütigen Dialogsequenz, was nicht bedeutet, dass ihr den Kinosaal zehn Minuten nach Beginn des Films betreten solltet. In ihr lernen wir nämlich den Gegner kennen, auf den die Basterds früher oder später treffen werden: Oberst Hans Landa, großartig gespielt von einem österreichischen Schauspieler namens Christoph Waltz. Dessen Namen hatte ich vor Inglourious Basterds noch nie gehört, und es ist mir ein absolutes Rätsel, wieso ein so guter Schauspieler bisher zu einem Dasein in ZDF-Produktionen und Tatort-Folgen verdammt war.

Aber zurück zu seiner Figur Oberst Landa. Dieser Typ ist ein Arschloch, nicht im Sinne von “Das Arschloch hat sich an der Aldi-Kasse vorgedrängelt”, sondern wie in “Mit diesem Typen auf dem gleichen Kontinent zu leben, ist mir einfach zu gefährlich”.

Ihm gegenüber stehen eine Kinobesitzerin, die einen Propagandafilm in Anwesenheit von Goebbels und anderen Nazi-Bonzen zeigen soll und die Basterds, ein rein jüdisches Guerilla-Kommando, das von Brad Pitt, alias Spaßfaktor Nummer Eins des Films, angeführt wird. Keiner dieser Soldaten wird charakterisiert. Wir erfahren nur das Nötigste über sie, also, dass sie auf möglichst grausame Weise möglichst viele Nazis umbringen wollen. Das reicht. Mehr muss uns der Film nicht sagen, und das tut er auch nicht.

Dass Inglourious Basterds trotz der minimalistischen Charakterisierungen rund zweieinhalb Stunden dauert, liegt an den langen, für Tarantino typischen Dialogsequenzen. Und nein, die sind nicht öde. Die Charaktere sind nicht Tarantinos Sprachrohr, so wie in Kill Bill 2, und das, worüber sie reden, erscheint nur im ersten Moment belanglos. Zum ersten Mal seit Pulp Fiction gelingt es Tarantino, durch Gelaber Spannung aufzubauen, an einem Punkt sogar so gut, dass das Publikum kollektiv den Atem ausstieß, als es zum unvermeidlichen Patzer einer Figur kam.

In Inglourious Basterds wimmelt es von Anspielungen. Mal ist der Film wie ein Italo-Western inszeniert, mal sieht er aus wie Casablanca, dann wieder wie ein typischer Actionfilm der Achtziger. Ständig begegnen einem Charaktere, die Namen von Regisseuren oder Schauspielern tragen, was tatsächlich das einzige ist, was mich gestört hat. Tarantino zeigt mit solchen Stunts immer wieder gern, dass er einer von den Coolen ist, dabei hat er das längst nicht mehr nötig. Aber okay, das ist eine Kleinigkeit. Dafür gibt es Pluspunkte für Vor- und Abspann, die im besten Sinne des Wortes Old School sind. Minutenlang sehen wir Namen und Funktionen in heller Schrift vor dunklem Hintergrund. Kein wildes Herumgeschneide, keine halb versteckt eingeblendeten Namen, so als habe man Angst, das Publikum mit mehr als zehn Buchstaben die Minute zu überfordern, einfach nur Vor- und Abspann. 2009 erfordert so etwas Mut.

Ein letztes Wort noch an die History-Channel-Junkies und Guido-Knoop-Anhänger: Inglourious Basterds ist keine Geschichtsstunde. Der Film beginnt aus gutem Grund mit den Worten “once upon a time”. Er erzählt nicht den Zweiten Weltkrieg, sondern wie der Zweite Weltkrieg gewesen wäre, wenn ihn Quentin Tarantino geschrieben hätte. Und das ist schon eine coole Idee.