Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Mal was Anspruchsvolles

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ab und zu verspüre ich diesen masochistischen Drang, mir einen deutschen Film anzusehen. Nein, nicht so humoristische Feuerwerke wie Die Zeiten ändern dich, sondern richtig brutales deutsches Kino, in Schwarzweiß und so, mit vielen Dialogen, verkniffen aussehenden Menschen und minutenlangen Einstellungen leerer Räume. Ohne Musik, versteht sich. Das weiße Band erfüllt all die Kischees, die man von einem ernsthaften deutschen Film erwarten darf, inklusive einer Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film, aber… und das schockt ein wenig… er ist gut.

Zur Handlung: Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands wird am Vorabend des Ersten Weltkriegs zum Schauplatz seltsamer und grausamer Ereignisse. Die Kinder des Dorfs scheinen in irgendeiner Weise mit den Vorgängen verbunden zu sein, das wird im Verlauf der Handlung klar.

Das Wie und Warum ist Regisseur Michael Haneke, von dem ich nur den Film Funny Games kenne (der übrigens weit weniger lustig ist, als der Titel vermuten lässt) gar nicht so wichtig. Ihm geht es vielmehr darum, das Bild einer dörflichen Welt zu zeigen, die es heute nicht mehr gibt.

Zum Glück nicht mehr gibt.

Hanekes Dorf ist nicht das aus der Rügenwalder-Werbung, sondern ein beklemmender, in mittelalterlich anmutenden Traditionen erstarrter Ort, durchsetzt von unterschwelliger Gewalt und unterdrückter Gefühle.

In etwas über zwei Stunden seziert der Film die einzelnen Familien des Dorfs, vom Baron, der alles zu beherrschen scheint, über den Pfarrer (die krasseste Figur des ganzen Films), bis zum Kleinbauern auf der untersten Sprosse der Hierarchie. Als Zuschauer erleben wir häusliche Gewalt, staatliche Gewalt, aus Neid und Frust geborene Gewalt und ziemlich viel andere Gewalt. Menschlichkeit hat, obwohl sie immer wieder durchbricht, in dieser Welt kaum eine Chance.

Das Dorf ist ein Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Nur zwei Mal verlässt es der Film kurz, einmal, um uns eine Kutschfahrt zwischen Feldern zu zeigen (das ist echt nicht so langweilig, wie’s jetzt klingt), das andere Mal, um uns ins nächste Dorf zu führen, was klar macht, dass es überall so scheiße ist.

Dass das Dorf eine Metapher für Deutschland zu jener Zeit ist, erklärt der Lehrer, der die Geschichte als Erzähler kommentiert, schon in der ersten Szene. Das zieht der Film auch konsequent bis zum Ende durch. Einen hohen Spaßfaktor hat Das weiße Band zwar nicht, aber er ist trotz der ruhigen Erzählweise spannend, super inszeniert und gut gespielt. Und man versteht danach garantiert, weshalb Leute aus allen Schichten wie die Gestörten zu den Rekrutierungsbüros gerannt sind, um sich freiwillig für den Ersten Weltkrieg zu melden. Nicht, dass sie gewusst hätten, dass es ein Weltkrieg war… geschweige denn der erste… von zweien… hm. Ich glaube, das Wort “Arschkarte” wäre in diesem Fall angemessen.