Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Menschlicher Tausendfüßler

Ja, ich habe ihn gesehen. Den Film, der die Trailershow auf der Fedcon beinahe gesprengt hätte und zu Reaktionen wie “Wer denkt sich denn so eine kranke Scheiße aus?” und “Ich krieg die Bilder nicht mehr aus dem Kopf” führte. Wer noch immer nicht weiß, wovon die Rede ist, kann sich hier selbst ein Bild von The Human Centipede machen. Die Kritik folgt, sobald ihr euch erholt habt.

Der Trailer verrät eigentlich schon alles außer der letzten halben Stunde, trotzdem ein paar Worte zur Handlung. Zwei Amerikanerinnen sind auf einer Europareise und machen Halt in - wenn man den Kennzeichen glauben darf - Dortmund. Klar, ist ja auch fester Bestandteil einer jeden Eurotour. Paris, London, Rom, Dortmund. Beim IQ der beiden Heldinnen ist aber auch durchaus vorstellbar, dass sie eigentlich nach Rothenburg ob der Tauber wollten, aber von den vielen Buchstaben verwirrt wurden.

Auf dem Weg zu einer Party haben sie eine Reifenpanne, natürlich mitten im Wald und ebenso natürlich mitten in einem Wald ohne Handy-Empfang. E-Plus-Nutzer nicken jetzt wissend. Dort kommt es zur ersten Feindberührung, einer Begegnung mit einem Deutschen. Der ist alt, fett, fährt Mercedes, raucht und trägt - Achtung - ein Feinripp-Unterhemd. Es entspannt sich der bizarrste Dialog des ganzen Films: “We have a flat tire.” “Ey, mit euch hab ich doch einen scharfen Film zuhause auf Cassette. Seid ihr schon feucht zwischen den Schenkeln?” “English? We speak English.” Während der Typ Obszönitäten abspult wie ein McDonalds-Mitarbeiter die Menü-Optionen am Drive-In-Schalter, schlägt die Beifahrerin wahllos das Wort “ficken” in ihrem Wörterbuch nach und sagt entsetzt: “Fuck, he said fuck. Roll up the window.”

Nein, das habe ich nicht erfunden.

Nachdem der erste Hilfsversuch also gescheitert ist, kommen die beiden - nennen wir sie einfach Paris und Lindsey - auf die Idee, selbst Hilfe zu holen. Sie stolpern eine Weile durch den Wald (auf der Straße bleiben, ist für Feiglinge) und landen schließlich an einem einsam gelegenen Haus. Vielversprechend bleibt die Kamera an einem Grabstein hängen, auf dem “Mein lieber 3-Hund” steht.

Dass der Typ, der ihnen aufmacht, einen Knall hat, kapieren die beiden recht schnell, nur wie groß der Knall ist, leider erst, als sie aus der Betäubung, die er ihnen verpasst hat, wieder aufwachen. In epischer Breite erklärt der er ihnen und einem ebenfalls gefangenen Japaner, dass er gedenkt, sie in siamesische Drillinge zu verwandeln. Der Japaner spricht übrigens den ganzen Film lang nur Japanisch und sagt laut Untertitel dabei so großartige Sachen wie: “No, stop! Stop! You European madman!”

???

Das alles klingt nach großem Spaß und ganz ehrlich, genau das ist The Human Centipede. Die Idee des menschlichen Tausendfüßlers trägt den Film über die gesamten neunzig Minuten, was sie auch muss, denn der Rest ist ganz knapp über YouTube-Niveau. Alle Darsteller außer Dieter Laser (dem phantasievollen Chirurgen) klingen, als habe man sie gegen ihren Willen gezwungen, in dem Film mitzuspielen, während Laser mit einem Overacting, das Gary Oldman und Jack Nicholson in den Schatten stellt, herumschreit, mit den Augen rollt und sich selbst im Spiegel küsst.

Der holländische Regisseur Tom Six ist nicht gerade eine Leuchte, aber bei einem solchen Material muss man das auch nicht sein. Man kann sich getrost darauf verlassen, dass der menschliche Tausendfüßler von so unwichtigen Kleinigkeiten wie Kamera und Schnitt ablenkt. Für den Zuschauer ist das ein wenig so, als versuche man ein Buch zu lesen, während jemand neben einem mit einer Granate, einem Huhn und einem Elchkopf jongliert.

The Human Centipede (First Sequence), um den ganzen Titel zu nennen, ist eine echte Trashperle, mit einer durchaus unangenehmen Operationssequenz und einem Ekelfaktor, der sich größtenteils im Kopf abspielt. Empfehlen würde ich ihn allerdings nur Leuten, die… wie sage ich das am besten… anders sind.

Eine Fortsetzung ist bereits für 2011 geplant. Titel: The Human Centipede (Full Sequence). Ich ahne Böses.