Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Morgen ist gestern

Heute gibt es mal eine alte Kernspalterei zum Thema Star Trek, um genau zu sein, zum neuen Film, der brutalerweise ins nächste Jahr verschoben wurde.

Rund ein Jahr lang hat an der Star-Trek-Front Ruhe geherrscht. Enterprise wurde abgesetzt, keiner schien so richtig zu wissen, wie es weitergehen soll. Doch jetzt kocht die Gerüchteküche wieder, denn pünktlich zum vierzigjährigen Jubiläum der Serie hat Paramount bekannt gegeben, dass es einen neuen Film geben wird. So richtig viel weiß man sonst noch nicht, aber das soll uns nicht daran hindern, wild los zu spekulieren.

Wer ist eigentlich dieser J.J. Abrams?

J.J. Abrams wurde am 17.Juni 1966 in New York geboren und wurde vor allem durch seine Serien Felicity, Alias und Lost bekannt. Im Kino machte er sich einen Namen als Regisseur und Drehbuchautor von Mission Impossible 3 und schrieb unter anderem das Drehbuch zu Armageddon, den ich ja gut fand, obwohl das niemand zu verstehen scheint, zu Regarding Henry, dem sterbenslangweiligen Drama mit Harrison Ford und Forever Young, der mindestens ebenso sterbenslangweiligen Liebesgeschichte mit Mel Gibson. Aber da die letzten beiden Filme mehr als fünfzehn Jahre alt sind, sollte man sie vielleicht nicht überbewerten.

Abrams komponierte außerdem die Titelmusik zu Alias, die leider ab der dritten Staffel das einzig Mitreißende in dieser Serie war. Von ihm stammte ebenfalls ein früher Drehbuchentwurf für den neuen Superman-Film, der dann allerdings nicht verwendet wurde. Für Star Trek XI wird er im Moment als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent gehandelt, aber da der Film frühestens 2007 in die Kinos kommen soll, kann sich da noch einiges ändern.

Was mit den Star-Trek-Filmen in amerikanischen Kinos verdient wurde:

Star Trek I: $ 82,000,000

Star Trek II: $ 78,000,000

Star Trek III: $ 76,000,000

Star Trek IV: $ 109,000,000

Star Trek V: $ 52,000,000

Star Trek VI: $ 74,000,000

Star Trek VII: $ 75,000,000

Star Trek VIII: $ 92,000,000

Star Trek IX: $ 70,000,000

Star Trek X: $ 43,000,000

Ups.

Um den Spannungsaufbau etwas dramatischer zu gestalten, wollen wir erst mal einen Blick in die Vergangenheit werfen, und zwar in die Zeit, als Star Trek noch richtig gut war und Paramount damit noch wirklich viel Geld verdienen konnte. TNG war ein Riesenerfolg, Deep Space Nine lief zwar kommerziell nicht ganz so erfolgreich, etablierte sich aber als die anspruchsvollste und gleichzeitig dunkelste Serie der Reihe. Die Föderation war längst nicht mehr so nett, die gegnerischen Aliens längst nicht mehr so böse, alle, ob Freund oder Feind, handelten aus klar nachvollziehbaren Gründen, und gelegentlich mussten auch mal unangenehme Entscheidungen gefällt werden.

Dann kam Voyager und all das war vergessen. Man versuchte die Rückbesinnung auf TNG, auf ein Raumschiff voll mit echt netten Leuten, die irgendwo rumfliegen und Abenteuer erleben. Der einzige Unterschied zu TNG bestand darin, dass die Mannschaft der Voyager im Delta-Quadranten gestrandet war und gerne wieder nach Hause wollte. Ging aber erst nach sieben Jahren, weil die Serie so lange nun mal laufen musste.

Während Voyager begann der Niedergang von Star Trek. Die Einschaltquoten gingen zurück, die Kinofilme um die TNG-Crew kamen an die Erfolge ihrer Vorgänger nicht heran, die nach James Bond am längsten existierende Film- und TV-Reihe Hollywoods steuerte mit Warp 9.9 auf eine Krise zu. Also setzte man sich bei Paramount zusammen und suchte nach Auswegen. Das Ergebnis dieses Brainstormings hieß Enterprise.

Für den Fall, dass es jemand vergessen oder verdrängt haben sollte: in Enterprise ging es um ein Raumschiff voll mit echt netten Leuten, die irgendwo rumfliegen und Abenteuer erleben. Der einzige Unterschied zu TNG/Voyager bestand darin, dass die Mannschaft in der Vergangenheit lebte, circa achtzig Jahre vor Kirks Zeit.

Einen Innovationspreis konnte man damit nicht gewinnen. Das Publikum und nicht unerhebliche Teile des Fandoms sahen das ähnlich. Die Einschaltquoten näherten sich dem Nullpunkt, die DVDs wollte auch niemand wirklich kaufen, Star Trek: Nemesis hatte weltweit ungefähr so viele Besucher wie eine durchschnittliche Pommesbude morgens um 10. Paramount reagierte und zog die Notbremse. Die Serie wurde abgesetzt, die Produktion neuer Filme gestoppt. Danach herrschte erst einmal Stille.

Neuer Film, neues Glück?

Viele rechneten damit, dass Paramount zum vierzigjährigen Star-Trek-Jubiläum im September eine Ankündigung über die Zukunft der Serie machen würde, aber die Gerüchteküche im eigenen Haus kam ihnen zuvor. Bereits im März überraschten mehrere Star-Trek-Foren mit der Nachricht, J.J. Abrams würde die Regie bei einem neuen Star-Trek-Film übernehmen, die Story schreiben und den Film auch noch produzieren. Nur wenige Tage später wurde dieses Gerücht von dem amerikanischen Branchenblatt Variety bestätigt.

Richard Arnold, der Star-Trek-Experte und ehemalige Mitarbeiter von Gene Roddenberry, sagte dazu, seines Wissens nach habe Paramount Abrams vier Projekte angeboten, bei denen er Regie führen könne. Abrams habe sich für Star Trek entschieden, was Paramount gar nicht mal so recht gewesen wäre. Warum konnte (oder wollte?) er nicht sagen, aber die Reaktionen auf Abrams’ frühes Superman-Script könnten der Grund dafür sein.

Das Drehbuch war durch einen merkwürdigen Zufall den Betreibern einiger Superman-Fanseiten in die Hände gefallen und hatte Proteststürme ausgelöst, die schließlich auch die Produzenten des Films nicht mehr ignorieren konnten. Abrams’ Version wurde gekippt, ein neuer Autor kam an Bord.

Die ersten Gerüchte zur möglichen Handlung des neuen Star-Trek-Films ließen auch in diesem Fandom nicht gerade Freude aufkommen. Angeblich solle nun doch ein Starfleet-Academy-Film kommen, das erste Treffen zwischen Kirk und Spock würde gezeigt werden. In einem hastig herausgegebenen Interview mit der englischen Filmzeitschrift Empire dementierte Abrams diese Gerüchte und sagte, er habe nicht vor, einen Film über Kirk und Spock an der Akademie zu drehen. Allerdings schloss er nicht aus, dass man vertraute Figuren wiedertreffen würde. Schließlich, so sagte er, sei er ein großer Fan der Originalserie.

Hmm, was will er uns wohl damit sagen?

Wie USS Phoenix NCC-65420 aus der Asche?

Das Fandom steht der Idee eines neuen Prequels sehr skeptisch gegenüber, was vielleicht unfair ist. Enterprise hat zwar nicht funktioniert, aber das bedeutet nicht automatisch, dass kein Prequel funktioniert. Schließlich hört man ja auch nicht auf, rohen Tintenfisch zu essen, nur weil einem einmal davon übel wurde. Okay, das trifft vielleicht nur auf mich zu, aber ihr versteht schon, was ich meine.

Und was wären die Alternativen zu einem Prequel? Ein Film, der im 24. Jahrhundert zur gleichen Zeit wie die TNG-Filme, Voyager oder Deep Space Nine spielt, würde in ein Labyrinth aus Chronologien und Abhängigkeiten geraten, die nicht aufzulösen wären. Wenn man tatsächlich einen Neuanfang will, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als entweder in die Vergangenheit oder in die weit entfernte Zukunft zu gehen. Nur dort wird das Team um J.J. Abrams die Chance haben, Star Trek neu zu erfinden und sich zu eigen zu machen. Und genau das muss geschehen, sonst führt jeder Neustart zu den gleichen alten Fehlern.

Abrams könnte trotz seines Superman-Debakels der Richtige für diese Aufgabe sein. Er hat mit Lost bewiesen, dass er mit einem Schauspieler-Ensemble umgehen kann und mit MI:3, dass er weiß, wie man Action inszeniert. Allerdings hat sein Weggang von Alias und seine vorübergehende Auszeit bei Lost auch gezeigt, dass er bereit ist, ein Projekt zu verlassen, wenn ein anderes, interessanteres auf ihn wartet.

Der Zorn des Fans

Die Paramount-Studiobosse zeigen durch die Zusammenarbeit mit Abrams, dass sie das Problem der Serie verstanden haben und bereit sind, neue Wege zu gehen. Sollte Abrams das Projekt durchziehen, wird ein Star-Trek-Film dabei herauskommen, der sich erheblich von den bisherigen unterscheiden wird. Vielleicht wird er an der Akademie spielen, vielleicht auf einem Schiff, vielleicht in der Vergangenheit, vielleicht in der Zukunft. Vielleicht wird man im Anschluss daran eine Fernsehserie drehen, vielleicht auch nicht. All das ist unklar, klar ist aber bereits jetzt, dass der Film das Fandom spalten wird. Es wird Protestschreie geben, Online-Petitionen, möglicherweise sogar Boykottaufrufe und ähnliches. Es wird sich zeigen, ob sie berechtigt sind, aber selbst wenn Star Trek XI alle Befürchtungen bestätigen sollte, hätte Paramount richtig gehandelt, denn die Diskussionen in den Foren beweisen, dass es noch Leidenschaft im Fandom gibt. Die Fans wollen, dass Star Trek wieder zu neuen Welten aufbricht, nicht vor sich hindümpelt wie ein Plastikboot auf einem Tümpel. Diese Chance bietet nur ein Neustart. Selbst wenn Abrams’ Film das Fandom spaltet, ist es immer noch besser mit dem Zorn einiger zu leben als mit der Apathie aller.

Das werde ich zumindest behaupten, bis ich den Film gesehen habe…