Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Niemand erzählt mir von Black Mirror :(

Mal ehrlich, Leute, das geht so nicht. Ich sitze hier und sehe mir den letzten Schrott an (ja, Defiance, damit bist du gemeint), während drüben auf der Insel schon zwei Staffeln Black Mirror gelaufen sind. Wieso sagt denn keiner was?

Okay, ich hätte wahrscheinlich gezuckt, wenn jemand behauptet hätte, dass eine von Endemol produzierte Serie zu dem Besten gehört, was in den letzten Jahren gelaufen ist. Aber spätestens beim Namen Charlie Brooker wäre ich hellhörig geworden, denn von dem stammt Dead Set, ein Fünfteiler, in dem das Big-Brother-Haus von Zombies überrannt wird. Und bevor ihr jetzt fragt: “Sieht man da denn überhaupt einen Unterschied zu den normalen Folgen?”, seht euch mal den Trailer an.

Das ist a) blutig und b) genial gemacht, denn Dead Set spielt in den Originalkulissen von Big Brother und verwendet die Stimmen und Moderatoren, die man in Großbritannien aus der Serie kennt. Dadurch entsteht eine Vertrautheit, die selbst eine Zombie-Invasion realistisch erscheinen lässt. Für Endemol muss Dead Set ein sehr erfolgreiches Experiment gewesen sein, sonst hätte man Brooker wohl nicht das Geld für die wesentlich ambitioniertere Serie Black Mirror gegeben.

Schaut mal rein:

Zwei Dinge fallen sofort auf. a) kein Blut, b) gar kein Blut. In Black Mirror wird viel geredet, meistens über Dinge, die uns nahe sind, nur um ein paar Jahre in die Zukunft versetzt. In der Folge, dessen Trailer ihr gerade gesehen habt, geht es um ein Implantat, das alle Erinnerungen speichert und ständig abrufbar macht. Man kann sie sich auf dem Fernseher anschauen, auf dem Smartphone, vor dem geistigen Auge, jede Minute des Lebens wird zu einem Ereignis, das man immer und immer wieder neu interpretieren und analysieren kann. Lügen wie “Das hab ich nie gesagt!” sind unmöglich, es gibt keine Ausflüchte mehr. Und bevor man ins Flugzeug einsteigen darf, checkt der Sicherheitsbeamte noch mal kurz die Erinnerungen der letzten achtundvierzig Stunden. Nur zur Sicherheit.

“The Entire History of You” schildert den ultimativen Überwachungsstaat, doch der wird nicht von einem orwellischen Big Brother erschaffen, sondern von unserer Besessenheit, das eigene Leben zu dokumentieren. Wir teilen Fotos unseres Abendessens über Instagram, lassen Foursquare der ganzen Welt (oder unseren fünfhundert besten Freunden, von denen wir eigentlich nur zwanzig kennen) mitteilen, dass wir gerade den Saturn am Potsdamer Platz betreten haben, oder klicken den öffentlichen Like-Button bei obskuren Bands, damit jeder sehen kann, wie hip wir sind. “The Entire History of You” zeigt, dass wir keine NSA brauchen. Wir sind unser eigenes Prism.

Ich halte mich so sehr bei dieser Folge auf, weil sie von den sechs, die bisher ausgestrahlt wurden, unsere Realität am klarsten in die Zukunft projiziert. Jeder kann sich vorstellen, dass es in ein paar Jahren genauso sein könnte.

Die Stärke von Black Mirror, nicht nur in dieser, sondern in allen Folgen, liegt aber in der schonungslosen Analyse der Welt, so wir wie sie erleben. Jede Geschichte, die erzählt wird, hat einen anderen Tonfall. In einer soll der Premierminister von Entführern gezwungen werden, mit einem Schwein… wie sage ich das jetzt? Okay, ehrlich… zu ficken (für die Neugierigen: Die Folge heißt “The National Anthem”), in einer anderen lebt ganz Großbritannien von der Hoffnung, eines Tages als Sieger einer Talentshow hervorzugehen. Eine dritte stellt die Frage, wie weit wir gehen würden, um den Tod eines geliebten Menschen zu überwinden. Das alles ist so intelligent geschrieben und schlichtweg geil, dass ich immer noch sauer auf die Leute bin, die mir die Serie vorenthalten haben. Ihr wisst, wer ihr seid.

Im Gegenzug werde ich über Utopia und Orphan Black schweigen. So lange ich das aushalte…

The Future is Broken