Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

World War Z ist nicht World War Z

Bevor ich anfange, darüber zu schreiben, was World War Z ist, sollten wir erst mal klären, was er nicht ist. Dieser Film ist keine Adaption des gleichnamigen Romans von Max Brooks. The Oatmeal hat mit diesem Venn-Diagramm die Gemeinsamkeiten von Film und Buch sehr schön auf den Punkt gebracht:

Venn-Diagramm, das zeigt, das beide nur den Titel gemein haben

So, nachdem wir das geklärt hätten, können wir nun zum Film kommen. Die Handlung ist schnell erzählt. Brad Pitt flieht mit seiner Familie vor einer Zombie-Pandamie auf einen Flugzeugträger, wird aber dann gezwungen, mit einem Wissenschaftler und ein wenig Zombiefutter nach einem Impfstoff gegen den Virus zu suchen. Diese Reise führt ihn um die halbe (zombieverseuchte) Welt.

Obwohl ich in den letzten zwei Sätzen das Wort ‘Zombie’ ganze drei Mal benutzt habe, ist World War Z kein Zombiefilm. Es ist ein Film über Chaos, und in den Szenen, in denen er sich darauf besinnt, ist er richtig geil.

Das geht los in der Anfangssequenz, die nach ein paar Minuten Familiengeplänkel schon zur Sache kommt. Zombies fallen über Philadelphia her, in den verstopften Straßen bricht Chaos aus. Die Kamera bleibt dicht an Brad Pitt. Durch seine Augen sehen wir Unfälle, Zombies, in Panik verfallende Menschen. Alles ist unübersichtlich. Entscheidungen, die in Sekundenbruchteilen getroffen werden müssen, bestimmen über Leben und Tod.

Diese Intensität hält der Film über knapp Dreiviertel seiner Lauflänge bei. Das größte Manko zu diesem Zeitpunkt ist die fehlende Chemie zwischen Gerry (Brad Pitt) und seiner Frau (Mireille Enos aus The Killing) und der unglaublich schwachsinnige Monolog eines Neurologen, der die Natur mit einem Serienkiller vergleicht: »Sie kann das Morden nicht lassen, aber sie will auch gefasst werden.«

Picard Facepalm

Die Zombie-Massenszenen machen die nicht gerade Pulitzer-Preis-verdächtigen Dialoge allerdings mehr als wett. Regisseur Marc Forsters Zombies bewegen sich unheimlich schnell, und wenn sie zu Tausenden auftauchen, werden sie zu einer gewaltigen, wogenden Masse aus Leibern, die sich über die Lebenden ergießt. Zombies als Naturgewalt, so unaufhaltsam wie ein Tsunami. Das sieht phantastisch aus, ist beklemmend und passt wunderbar zu dem Chaos, in dem der Film sich so wohl fühlt.

Wenn er nur dabei geblieben wäre.

Die Geschichten über die problematischen Dreharbeiten von World War Z dürften die meisten gehört haben. Bei Paramount fand man das Ende so scheiße, dass man ein komplett neues schreiben und drehen ließ. Buchstäblich von einer Sekunde zur nächsten ändert der Film seinen Tonfall und wird vom Massenspektakel zum Kammerspiel. Vorher fegen Tausende Zombies ganze Städte hinweg, nun sind auf einmal fünf Untote, die in einer Kantine herumstehen, ein Riesenproblem. Das ist so, als würde man einen Epos über die Sintflut drehen, der damit endet, dass der Protagonist einen Wasserrohrbruch in seinem Haus reparieren muss.

Doch selbst dieser Stimmungswechsel könnte funktionieren, gäbe es da nicht zwei Probleme: Zum einen die Altersfreigabe von PG-13, die aus den Kämpfen gegen die Zombies blutleere Angelegenheiten macht, zum anderen die Wahl des Regisseurs. Marc Forster braucht große, ausladende Bilder und ein hohes Tempo, dann ist er gut. Spannung kann er nicht inszenieren. Das ist fatal für die letzten zwanzig Minuten von World War Z. Der Film bricht in sich zusammen und schlurft seinem absehbaren Ende entgegen wie ein Romero-Zombie.

Forster werfe ich das nicht vor, schließlich hatte er keine Ahnung, dass man das Drehbuch im letzten Moment ändern würde. Rätselhaft ist nur, wie das ursprüngliche Ende jemals durchgewunken werden konnte. Ihr könnt es hier nachlesen, wenn euch Spoiler für das neue Ende nicht stören oder ihr den Film gesehen habt. Es lohnt sich.

Trotz aller Sympathie für die problematische Produktiongeschichte des Films, sollte man ihn nach dem bewerten, was man auf der Leinwand sieht: großartige Zombie-Massenszenen, toll inszeniertes Chaos mit einem überzeugenden Brad Pitt, schlecht bis gar nicht entwickelte Nebencharaktere, mäßige Story und ein ödes Ende.

3/5

Jemand sollte übrigens mal World War Z verfilmen. Ist ein toller Roman.

Under the Dome ist gar nicht mal schlecht

Man könnte eine Kritik wahrscheinlich etwas enthusiastischer betiteln, aber das hat sich die auf Stephen Kings 2009 erschienenem Roman basierende Miniserie noch nicht verdient.

In Under the Dome geht es um eine Kleinstadt in Maine (wo auch sonst), die plötzlich von einer unsichtbaren, undurchdringlichen und unüberwindbaren Kuppel eingeschlossen wird. Das sorgt schon auf den ersten Seiten, beziehungsweise in den ersten Minuten für Verluste. Im Buch wird ein Dachs in der Mitte durchgehauen, in der Serie ist es eine Kuh, was visuell natürlich beeindruckender ist. Ein kleines Flugzeug und einen Truck erwischt es ebenfalls, es fallen Körperteile und tote Vögel vom Himmel.

Das fängt also schon mal gut an.

Zwei Menschen getrennt von der Kuppel

Kings Roman lebt aber nicht nur von einer interessanten Prämisse, sondern vor allem von seinen Charakteren. Die Serie führt in der ersten Folge einige ein, die man aus dem Buch kennt und fügt eigene hinzu. Es gibt Konflikte, unter anderem zwischen dem Sheriff und einem machtgierigen Stadtverordneten (dass er machtgierig ist, verdeutlicht die Serie, indem sie ihn beim Lesen einer Biographie über Churchill zeigt). Viele unausgesprochene Probleme schwelen unter der Oberfläche der scheinbar ruhigen Kleinstadt, und als Zuschauer ahnen wir, dass die Kuppel sie in einen Flächenbrand verwandeln wird.

Die Geschichte weicht schon in der ersten Folge vom Buch ab. Verschiedene Ereignisse weisen auf ein Rätsel hin, das dort nicht vorkommt. Das ist völlig okay, denn wenn man dem Roman eines vorwerfen kann, dann das Ende. Sollte man bei CBS auf eine bessere Idee gekommen sein als King, herzlichen Glückwunsch, der Rest der Geschichte hätte das verdient.

Da also anscheinend die Prämisse, die Charaktere und die Geschichte stimmen, wieso reicht es dann nicht zu mehr als einem “Nicht schlecht”?

Kurz gesagt: Weil die Leute alle zu gut aussehen.

Das klingt jetzt vielleicht wie Kleinkram, schließlich sehen die meisten lieber einen George Clooney an als einen Reiner Calmund, aber die Charaktere in Under the Dome sind Hollywood, nicht Maine. Da ist keiner hässlich oder fett, selbst der Stadtverordnete “Big Jim” Rennie, der im Buch wie die Antichrist-Version von John Goodman beschrieben wird, hat nur eine Plauze. Kein Mensch würde ihn deshalb Big Jim nennen.

Leute in Kleinstädten, egal, ob in Maine oder Schleswig-Holstein, sehen nicht so aus. King weiß das, deshalb beschreibt er seine Figuren wesentlich weniger attraktiv. Davon abzuweichen, schadet der Glaubwürdigkeit, die so wichtig für eine eigentlich völlig unglaubwürdige Geschichte ist. Wir als Zuschauer müssen den Eindruck bekommen, dass wir ganz normale Leute beobachten, deren Welt auf einmal im Chaos versinkt. Dank des Castings von CBS wirkt es auf mich jedoch so, als würde ich Schauspielern zusehen, die auf Ereignisse in einem Drehbuch reagieren. Tue ich natürlich, aber der Erfolg jeder Geschichte hängt davon ab, dass man in ihr versinkt, sei es zwischen den Buchstaben eines Textes oder den Bildern einer Kamera. Bis jetzt pralle ich an Under the Dome ab wie ein Vogel an der Kuppel.

Ich hoffe, dass sich das ändert.

Homo Sapiens 404 - Tatsache des Tages 2

Die Top-10 der Fernseh-Torrents acht Monate nach der Quarantäne des Sonnensystems und dem Exodus der Menschheit:

  1. Unsere kleine Farm

  2. Ein Engel auf Erden

  3. How I Met Your Mother

  4. Friends

  5. Alle lieben Raymond

  6. Downton Abbey

  7. Glee

  8. Bonanza

  9. Two and a Half Men

  10. Eine schrecklich nette Familie

»Wir gucken nur noch Schrott.« - Nerdprediger Dan

Ich bin Legende - Zum Tod von Richard Matheson

Richard Matheson Mein Erstkontakt mit Richard Matheson fand im Alter von sechs Jahren statt, als ich die Star-Trek-Folge “The Enemy Within” sah. Darin wird Kirk durch einen Transporterunfall in zwei Hälften gespalten. Ein Teil ist aggressiv, säuft und belästigt Frauen (noch mehr als sonst), der andere ist nett, aber ein Weichei. Die Botschaft dieser Jekyll&Hyde-Geschichte war simpel: All unsere Eigenschaften sind nützlich, Gut und Böse sind nur eine Frage ihrer Gewichtung.

Mit sechs Jahren hat mich das umgehauen, aber als ich die Folge gestern noch mal gesehen habe, fiel mir auf, dass sich hinter dieser scheinbaren Einfachheit viel mehr verbirgt, denn Matheson bringt mit seiner Botschaft Star Trek auf den Punkt. Roddenberry plädierte für Toleranz gegenüber denen, die anders aussehen und sich anders benehmen. Gleichzeitig erschuf er mit dem Dreigestirn aus Kirk, Spock und McCoy Figuren, von denen nur eine wirklich vollständig ist. Spock überbetont das Gehirn, McCoy das Herz. Einzig Kirk kann beides in Einklang bringen.

Wie wichtig das ist, zeigt “The Enemy Within”. Wir können als Menschen nur funktionieren, wenn wir auch unsere negativen Eigenschaften akzeptieren und tolerieren. Wir sind unsere eigene kleine Föderation.

The Shrinking ManDiese Vielschichtigkeit, die sich hinter scheinbar simplen “Was-wäre-wenn?”-Konzepten verbirgt, findet man in Mathesons besten Geschichten. In The Shrinking Man (Die unglaubliche Geschichte des Mr. C) stellt er die Frage, was passieren würde, wenn jemand immer weiter schrumpft. Das führt zu einer ganzen Reihe von Actionsequenzen. Scott wird von einer Hauskatze verfolgt und kämpft im Keller gegen eine für ihn riesige Spinne, aber gleichzeitig geht es um Identität, um unsere Vorstellung von Normalität und die Angst vor dem Unbekannten.

I Am Legend, Mathesons wahrscheinlich bekanntester Roman, beschreibt das Leben des letzten Menschen in einer Welt voller Vampire. Er entstand 1954, wurde bisher drei Mal verfilmt und erzählt seine Geschichte auf eine für diese Zeit ungewöhnlich trockene und realistische Weise. Die Vampire sind keine Horrorgestalten, sondern Opfer eines Virus, und Protagonist Neville ist eher Antiheld als Held. Die Welt, die Matheson beschreibt, erinnert er an die, die man später in einer ganzen Reihe von Zombiefilmen wiederfinden würde. George A. Romero nennt I Am Legend und The Last Man on Earth, die erste Verfilmung, in der Vincent Price die Hauptrolle spielte, als Inspiration. Hier sieht man, warum:

Spielberg verdankt Matheson seinen ersten großen Erfolg, denn von ihm stammte das Drehbuch zu Duell, einem Fernsehfilm, in dem ein Autofahrer von einem schwarzen Truck verfolgt wird. Für Rod Serling schrieb er die großartige Twilight-Zone-Folge “Nightmare at 20,000 Feet”. Darin entdeckt der unter Flugangst leidende Protagonist (William Shatner) ein Monster auf der Tragfläche des Flugzeugs, was ihm natürlich niemand glaubt.

Matheson schrieb über zwanzig Romane, rund hundert Kurzgeschichten und über dreißig Drehbücher. Sein Stil war so einfach wie seine Geschichten und ebenso hintergründig. Er selbst sagte darüber: “Ich beschreibe, was passiert und wo die Figuren sind. Weniger ist mehr.”

Richard Matheson verstarb am 23.06.2013. Er wurde 87 Jahre alt.

In einer besseren Welt

Ich sehe der Verfilmung von Max Brooks’ großartigem Zombieroman World War Z mit einer gewissen Resignation entgegen, weil außer dem Titel und der Prämisse nicht viel vom Originalstoff übrig geblieben sein dürfte.

Brooks erzählt die Chronologie des Krieges aus zahlreichen Perspektiven, was in einem Blockbuster mit Brad Pitt in der Hauptrolle unmöglich gewesen wäre. Doch es hätte auch eine andere Art Verfilmung geben können, und wie die hätte aussehen könenn, zeigen uns die Betreiber von Filmschool Rejects im gleich folgenden Video. Sie mischen Originalbilder aus dem Film mit Passagen aus dem Roman, ein Stilmittel, das der amerikanische Dokumentarfilmer Ken Burns sehr gern verwendet.

Deshalb heißt das Ergebnis auch Ken Burns’ World War Z. In der besseren Welt, in der ich gern leben würde (ihr wisst schon, die, in der Firefly nie abgesetzt wurde), ist das die Vefilmung, die World War Z bekommen hat.