Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Pleiten, Pech und Pints - Kritik zu The World's End

Achtung Spoiler

Simon Pegg als Gary KingGary King ist cool. Mit schwarzem Mantel, Sonnenbrille und Sisters-of-Mercy-Shirt schreitet er durch eine englische Kleinstadt, umgeben von vier Freunden, die eher wie Publikum wirken und (scheinbar?) ehrfürchtig zu ihm aufsehen. Gary hat nur zwei Ambitionen: Er will Spaß haben, wie er seinem Schuldirektor sagt (Pierce Brosnan in einer großartigen Nebenrolle) und mit seinen Freunden die Goldene Meile beenden. Dabei handelt es sich um einen Weg, an dem zwölf Pubs liegen. Der erste heißt The First Post, der letzte The World’s End. Zwölf Pubs, zwölf Pints. Das ist es, was Gary und seine Freunde sich eines Tages vornehmen.

Die Mission scheitert, doch Gary ist trotzdem zufrieden. Als er mit den beiden Freunden, die noch nicht bewusstlos zusammengebrochen sind, die Sonne über seiner Stadt aufgehen sieht, denkt er, dass er niemals wieder so glücklich sein wird.

Zwanzig Jahre später. Gary hat recht behalten. Die Freunde haben eigene Wege beschritten, jeder lebt ein relativ langweiliges Leben mit normalen Jobs und normalen Familien. Nur Gary hat den Sprung ins Erwachsensein nicht geschafft. Er haust in einem heruntergekommenen Loch und trägt die gleichen Klamotten wie in seiner Jugend. Die Welt hat sich weiter gedreht, nur Gary ist stehen geblieben. Das macht ihn zu einer traurigen Gestalt, zu einem Verlierer, mit dem niemand etwas zu tun haben will.

Durch Lügen und Manipulationen gelingt es ihm jedoch, die ehemaligen Freunde davon zu überzeugen, die Goldene Meile noch einmal zu versuchen. An einem Freitag Nachmittag kehren sie in ihre Heimatstadt zurück. Dort erkennen sie schnell, dass zwölf Pints bei weitem nicht das größte Problem ist, vor dem sie stehen.

Die Pubs der goldenen MeileEdgar Wright begann seine sogenannte Cornetto-Trilogie mit Shaun of the Dead. Darauf folgte Hot Fuzz und nun der Abschlussfilm The World’s End. Ein besseres Ende hätte er nicht wählen können. Simon Pegg ist als Gary King perfekt besetzt, ebenso wie Martin Freeman, Nick Frost, Paddy Considine und Eddie Marsan als seine Freunde. Es sind Figuren, die man zu kennen glaubt und ihre Unterhaltungen kurz nach dem Wiedersehen sind jedem vertraut, der mal das Missvergnügen hatte, ein Abitreffen zu besuchen. Sie geben mit dem an, was sie erreicht haben und schwelgen in Nostalgie. Doch hinter der Fassade verbergen sich nicht nur unerfüllte Träume, sondern auch dunkle Erinnerungen. Einzig Gary scheint dagegen immun zu sein. Für ihn ist die Gegenwart eine Illusion und nur die Vergangenheit real. Er lebt in ihr wie einer Blase.

Das alles erzählt The World’s End in den ersten vierzig Minuten. Die Geschichte ist eigentlich traurig, aber die Autoren Wright und Pegg versehen sie mit so viel Witz und Sympathie für ihre Figuren, dass es einfach nur Spaß macht, ihr zu folgen. Als es zum Bruch kommt, den der Trailer leider verrät, sind die Charaktere etabliert und als Zuschauer wissen wir, wo wir dran sind. Was darauf folgt, ist pures Genre-Vergnügen. Action, Effekte, Slapstick und Wortwitz bestimmen die zweite Hälfte, aber Wright verliert seine Figuren nie aus den Augen. Sie treiben die Handlung voran, ihr Schicksal steht im Vordergrund. Das beweist er vor allem beim Ende, das zu den überraschendsten und besten gehört, die ich in diesem Jahr gesehen habe.

Wright und Pegg haben bereits in den beiden Vorgängerfilmen gezeigt, dass sie selbst die skurrilsten Situationen völlig normal wirken lassen können. In The World’s End gelingt ihnen das durch den simplen Trick, dass Gary und seine Freunde immer betrunkener werden. Das erinnert ein wenig an Cabin in the Woods, in dem das unlogische Handeln der Charaktere durch eine Art Verdummungsgas ausgelöst wird. Das Ergebnis ist das gleiche: Wir nehmen ihnen die schwachsinnige Entscheidung, die Goldene Meile trotz einer immensen Bedrohung zu Ende zu bringen, einfach ab.

Andy (Nick Frost) bringt es auf den Punkt: “Gary suggested it. None of us has a better idea, so fuck it.”

The World’s End ist einer dieser seltenen Filme, die nichts falsch machen. Das Timing stimmt bis auf die Sekunde und die Figuren reißen einen mit. Die Geschichte wird mit einer solchen Freude und Leichtigkeit erzählt, dass man das Kino grinsend verlässt. Und danach ein Bier trinken will. Oder auch zwölf.

5/5

Die Freunde an der Theke