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Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Snowpiercer: Jeder an seinem Platz

Die Crew

Ein Zug, der durch endlose, schneebedeckte Weiten rast. Menschen, eingepfercht in fensterlosen Waggons, unterdrückt von sadistischen Wachen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Das ist die Welt, in der Snowpiercer spielt.

Ein paar Einblendungen zu Beginn des Films erzählen, wie es dazu gekommen ist. Um der globalen Erwärmung Herr zu werden, bedient sich die Menschheit eines experimentellen Gases, das in die Atmosphäre entlassen wird. Der Plan geht ein bisschen zu gut auf. Innerhalb kürzester Zeit sinken die Temperaturen, bis sich der ganze Planet in eine leblose Eiswüste verwandelt. Nur einigen wenigen Überlebenden gelingt es, sich in einen Zug zu retten, der seitdem seine Kreise rund um die Welt zieht.

Die Handlung setzt siebzehn Jahre nach der Katastrophe ein. An Bord des Snowpiercers ist ein bizarres Klassensystem entstanden. Ein Großteil der Passagiere vegetiert im Slum am Ende des Zugs vor sich hin. Die Enge ist bedrückend, alles ist verdreckt, mit Insekten verseucht und armselig. Die einzige Nahrung der Menschen besteht aus glibbrigen Proteinriegeln, Stahltore trennen sie vom Rest des Zuges. Ein Mann namens Curtis (Chris Evans) will sich dieses Leben nicht länger gefallen lassen. Zusammen mit Gilliam (John Hurt), dem inoffiziellen Anführer der Slumbewohner, und einem geheimnisvollen Verbündeten, der ihnen Nachrichten aus der ersten Klasse zukommen lässt, plant er die Revolution. Doch die kann nur erfolgreich sein, wenn er die Spitze des Zugs erreicht und Wilford, den Erbauer und Lokführer des Zugs besiegt.

Dies ist die Ausgangssituation von Joon-ho Bongs Snowpiercer. Die Trailer suggerieren, dass es sich um einen geradlinigen Actionfilm handelt, bei dem sich die Protagonisten an immer stärker werdenden Gegnern vorbei bis zum Endboss durchkämpfen müssen. So eine Art Raid im Zug. Der Anfang des Films passt auch dazu.

Und dann hat Tilda Swinton ihren ersten Auftritt.

Sie spielt Mason, eine Vertraute von Wilford, die sich nach einem Handgemenge an die Slumbewohner wendet, um ihnen die Ordnung der Dinge im Zug noch einmal zu verdeutlichen. Mit religiöser Verzückung schwärmt sie von Wilford und der “heiligen Maschine”, während ein Mann neben ihr verstümmelt wird. Mason ist eine groteske Figur - in Aussehen und Verhalten - und dank Tilda Swintons phänomenaler Darstellung wird sie zum Sinnbild des Irrsinns, der an Bord des Snowpiercers herrscht.

Nach ihrer Einführung verabschiedet sich der Film von seiner Geradlinigkeit. Die Aufständischen kämpfen sich oder wandern verwirrt durch zunehmend bizarrer werdende Waggons, immer wieder unterbrochen von Action oder langen Dialogen. Die Action ist sehr gut inszeniert, die ruhigen Szenen sind nie langweilig, aber es ist nachvollziehbar, weshalb die Weinsteins Snowpiercer kürzen wollten. Leicht zu vermarkten ist der Film nicht.

Sein Tonfall schwankt ständig zwischen Groteske, Action und Drama. Die Handlung hält auch gern mal für ein paar Minuten an oder macht Schlenker, um irgendwas zu zeigen, was Autor und Regisseur cool fanden. Das geht so weit, dass Snowpiercer sich in seinen Ideen zu verlieren droht, aber wie ein Zug, der in einer scharfen Kurve abhebt, landet er (meistens) wieder auf den Schienen.

Das Szenario, das der Film darstellt, ist vielleicht nicht realistisch oder in seiner Umsetzung logisch, aber es wird mit Liebe zum Detail dargestellt. Jeder Waggon wirkt wie eine eigene Welt, wenn etwas nicht mehr verfügbar ist, wie zum Beispiel Zigaretten, sagen die Figuren “Das ist ausgestorben”, was verdeutlicht, wie hoffnungslos das Leben im Zug ist. Früher oder später wird alles ausgestorben sein, auch die letzten Überlebenden der Menschheit.

Snowpiercer ist weder ein glatter, noch ein perfekter Film, aber er bietet etwas, das man in Zeiten von Fokusgruppen und Monsterbudgets nicht mehr gewöhnt ist: Unberechenbarkeit. Man weiß nie, was einen in der nächsten Minute erwartet. Das, kombiniert mit hervorragend inszenierter Action und Charakteren, die man nicht jeden Tag sieht, unterhält ungemein und verdient die Höchstwertung von fünf Sternen.