Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

The Dark Knight Rises

Die folgende Kritik ist auch auf SFR erschienen.

2012 ist das Jahr der Superheldenfilme. The Avengers setzte die Messlatte sehr hoch und auch Spider-man schlug sich tapfer. Doch diese beiden Produktionen mit The Dark Knight Rises zu vergleichen, wäre unfair, ich schrecke sogar davor zurück, Christopher Nolans fast drei Stunden langen Epos überhaupt als Superheldenfilm zu bezeichnen.

Mehr dazu später, zuerst der Trailer und einige Worte zum Inhalt.

The Dark Knight Rises beginnt acht Jahre nach den Ereignissen seines Vorgängers. Bruce Wayne (Christian Bale mit gewohnter Intensität) hat die Zeit als Eremit in Wayne Manor verbracht und sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er ist ein gebrochener Mann, körperlich wie seelisch. Seine Identität als Batman wurde ihm genommen, eine andere hat er nicht. Sein Diener Alfred (wie immer großartig gespielt von Michael Caine) stellt seinen einzigen Kontakt zur Außenwelt dar, das restliche Personal bekommt ihn nie zu Gesicht. Das ändert sich jedoch, als Catwoman (Anne Hathaway, die viel besser als erwartet ist) Bruces Fingerabdrücke stiehlt und damit eine Reihe von Ereignissen in Bewegung setzt, die ihn zwingen, sich der Welt zu stellen - und das Kostüm seines dunklen Alter Egos wieder anzulegen.

Von diesem Kostüm sehen wir als Zuschauer allerdings nicht viel. Es gibt nur wenige Sequenzen mit Batman, meistens tritt Christian Bale als Bruce Wayne auf. Der Grund dafür erschließt sich aus der Handlung des Films und aus den Themen, die Nolan anschneidet. Es geht ihm um Verlust, und so nimmt er Bruce Wayne nach und nach alles, was ihn definiert - seinen letzten Freund, sein Vermögen und schließlich seine Freiheit. Damit bringt Nolan Wayne in eine ähnliche Situation wie seinen Gegenspieler, den hinter einer Mischung aus Facehugger und Hannibal-Lecter-Maske verborgenen Bane. Der ist in dem gleichen, übrigens völlig bizarren, Gefängnis aufgewachsen, in dem auch Wayne landet. Seine Eltern wurden ihm genommen, eine weitere Parallele, er ist besessen von…

Und hier kommen wir zum ersten Problem des Films. Ich habe keine Ahnung, von was Bane eigentlich besessen ist oder was er will. Wie ein Revolutionär hetzt er die Armen Gothams gegen die Reichen auf, befreit in einer Szene, die an den Sturm auf die Bastille erinnert, Hunderte Gefangene und macht sie zu seiner Armee. Es gibt Plünderungen, Schauprozesse, recht kreative Hinrichtungen und eine von Bane angeführte Diktatur. Gleichzeitig tickt jedoch eine Atombombe, mit der Bane die ganze Stadt vernichten will. Warum? Weiß ich leider auch nicht.

Die letzte Wendung, die hier nicht verraten wird, macht sein Verhalten noch unklarer. Nolan lässt Bane in zwei spektakulären Szenen die Börse und ein Footballstadium vernichten. Er stößt sozusagen die Götter des 21. Jahrhunderts - Geld und Ruhm - vom Thron, doch die Zustände, die er damit zu recht anprangert, gehen in der Bedrohung durch die Bombe und diversen anderen Handlungssträngen unter.

Ebenso problematisch ist Bane selbst. Tom Hardy verleiht ihm zwar eine sehr ungewöhnliche und eindringliche Stimme, doch hinter der Maske erkennt man keine Persönlichkeit. Nach Heath Ledgers phänomenaler Joker-Darstellung wollte Nolan wahrscheinlich keinem Schauspieler die Last aufbürden, damit konkurrieren zu müssen, doch deshalb bleibt Bane und so auch die Bedrohung, die von ihm ausgeht, blass und diffus.

Nolan will zuviel, das ist das zweite Problem von The Dark Knight Rises, das besonders in der ersten Hälfte deutlich wird. Es wird eine Handvoll neuer Charaktere eingeführt, unter anderem die Millionärin und Umweltaktivistin Tate (Marion Cotillard) und ein junger Polizisten (Joseph Gordon-Levitt), deren Zweck sich erst spät im Film erschließt. Morgan Freeman ist wieder dabei, ebenso Gary Oldman, die Geschichten der Figuren, die uns durch drei Teile begleitet haben, werden zu Ende gebracht.

Das führt dazu, dass die erste, schwächere Hälfte des Films so voller Dialoge und Handlungsstränge ist, dass man fast den Überblick verliert. Zum Glück fängt sich der Film in der zweiten Hälfte. Nolan kriegt die Kurve und wie er das macht, ist brillant. Es gelingt ihm, seine Trilogie würdevoll zu beenden und Bruce Waynes Reise als Charakter konsequent zu Ende zu führen.

The Dark Knight Rises ist kein Spaßfilm. Auch wenn die Actionsequenzen atemberaubend inszeniert sind und der Film auf einer riesigen Leinwand unglaublich gut aussieht, fehlt ihm die Leichtigkeit, die zum Beispiel The Avengers besitzt. Dass Nolan die auch gar nicht anstrebt, steht außer Frage. Seine Figuren sind Verwundete und Gestörte, stets an der Grenze zum Psychopathen. Die Welt, in der sie leben, die innere wie äußere, ist ein düsteres Gefängnis, aus dem es (fast) kein Entkommen gibt. Ein Tony Stark würde darin untergehen, selbst ein Bruce Wayne zerbricht beinahe an ihr. Wie man es dennoch schafft, aus dieser Finsternis zu entkommen, sich sozusagen darüber zu erheben, ist das Thema, das im Zentrum des Films steht und ihn in seinen stärksten Momenten beherrscht.

Das ist nicht gerade eine Lachnummer, und so verlässt man das Kino dann auch nicht mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht, sondern mit gemischten Gefühlen - genauso wie Nolan es will.

4/5