Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

The Day of the Doctor

Eine spoilerfreie Kurzkritik direkt zu Anfang: Ja, der Hype war berechtigt. “The Day of the Doctor” reiht sich nahtlos in die großen Klassiker der Serie wie “Tomb of the Cybermen”, “The Pyramids of Mars”, “Talons of Weng-Chiang” und “Blink” ein. Große Gefühle, große Effekte, große Liebe zum Detail.

Alle außer Capaldi

So, und jetzt zur Handlung. Die Geschichte spielt auf drei Zeitebenen, einmal im sechzehnten Jahrhundert, wo der zehnte Doktor versehentlich Königin Elizabeth I. einen Antrag macht, dann im zwanzigsten Jahrhundert, wo der elfte Doktor sich mit einer Invasion gestaltwandelnder Aliens (den Zygons) herumschlagen muss und schließlich während des Zeitkriegs auf Gallifrey. Dort begegnen wir dem mysteriösen “Krieger” (John Hurt), der Inkarnation des Doktors, die verhindern soll, dass der Krieg zwischen Time Lords und Daleks das ganze Universum in einen tödlichen Strudel reißt. Er sieht nur eine Möglichkeit: Beide Gegner müssen vernichtet werden, Gallifrey muss fallen. Um das zu erreichen, stiehlt er die gefährlichste Waffe des Universums, genannt The Moment. Was sie so gefährlich macht, ist nicht nur ihre Zerstörungskraft, sondern das Gewissen, das sie besitzt. Es nimmt die Gestalt von Rose (Billie Piper) an, die sich “Bad Wolf Girl” nennt (eine Anspielung auf die Folgen “Bad Wolf” und “The Parting of the Ways”) und ergründen will, weshalb der Krieger etwas so Entsetzliches plant.

Diese drei Zeitebenen verschmelzen rasch zu einer Geschichte und bringen alle drei Inkarnationen des Doctors zusammen. Rose übernimmt dabei eine Rolle, die an den Geist aus A Christmas Carol erinnert. Sie zeigt dem Krieger, welche Konsequenzen seine Tat für ihn selbst haben wird. Das alles hätte Moffat im Stil einer Shakespeare-Tragödie schreiben können, denn der Zeitkrieg ist seit dem Reboot der Serie im Jahr 2005 das wichtigste, immer wieder in den Vordergrund rückende Ereignis. Der damalige Chefautor Russell T. Davies sah den Doktor als einen einsamen Getriebenen, der als letzter Time Lord mit der Schuld leben muss, das blutigste Kapitel in der Geschichte des Universums geschrieben zu haben.

Das hat Moffat zwar übernommen, aber seit dem Wechsel von Tennant auf Smith abgemildert. In “The Day of the Doctor” schließt er endgültig Smith und Tennant ernstdamit ab. Die drei Inkarnationen des Doctors - der Gebrochene, der sich selbst nicht einmal mehr Doctor nennen kann, der Getriebene und der, der nur noch vergessen will - kommen zusammen, um ihr Schicksal und das des gesamten Universums umzuschreiben und einen Neuanfang zu finden. Und das setzt Moffat rasant, liebevoll und witzig um. Seine Anspielungen auf die lange Geschichte der Serie beginnen mit dem Vorspann und der ersten Szene, beides Verbeugungen vor “An Unearthly Child”, und setzen sich bis zum absoluten Fan-Höhepunkt, einer gemeinsamen Aktion aller dreizehn Inkarnationen (inklusive Peter Capaldi in einer dreisekündigen Einstellung), fort. Der Schal von Doctor Nummer Vier taucht auf, ebenso die Tochter von Brigadier Lethbridge Stewart, die wie ihr Vater für UNIT arbeitet. Und am Ende gibt es einen Gastauftritt, den ich trotz Warnung nicht spoilern möchte. Nur so viel: besser hätte man die Folge nicht beenden können.

Dass mehrere Inkarnationen zusammenkommen, hat bei Doctor Who seit dem Special “The Three Doctors” von 1973 Tradition. Funktionieren kann das nur, wenn die Schauspieler den Zuschauern vermitteln können, dass sie tatsächlich Aspekte der selben Person sind. Das gelingt Smith und Tennant mühelos und mit sichtlichem Vergnügen. Sie zeigen die gleichen Mannerismen, sprechen manchmal sogar synchron und ziehen sich gegenseitig auf. Hurt wirkt neben ihnen eher wie ein Großvater, der nicht so ganz verstehen kann, wie sich die Welt verändert hat. In einer der witzigsten Szenen der Folge verwechselt er seine Nachfolger mit Begleitern des Doctors, weil sie so jung sind. Als er das Missverständnis erkennt, fragt er nur: “What is this? Am I having a midlife crisis?”

“The Day of the Doctor” macht sehr viel Spaß. Who-typisch ist die Handlung etwas verworren und ich bin mir nach einmaligem Ansehen nicht sicher, ob alles wirklich Sinn ergibt. Doch das ist auch nicht so wichtig, denn Moffat gelingt es, die Dose Würmer, die Davies mit der nie vernünftig erklärten Zeitkriegsgeschichte geöffnet hatte, sauber zu verschließen. “No more” schreibt John Hurt am Anfang der Folge mit einer Waffe auf eine Mauer von Arcadia und man bekommt den Eindruck, dass er damit Moffats Gedanken widergibt. Keine Schuldgefühle mehr, keine Nabelschau mehr, kein dumpfes Brüten mehr. Der Doctor hat seine eigene Geschichte gelöscht, die Seite ist leer, der Cursor blinkt. Was auch immer Moffat und sein Doctor Capaldi ab dem nächsten Herbst dort erzählen wollen, wird ihres sein. Und darauf bin ich sehr gespannt.