Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

The Lone Ranger

Achtung: Spoiler

Lone RangerFangen wir mit der Handlung an, was The Lone Ranger übrigens auch hätte tun sollen. Stattdessen beginnt er mit einer in den 1930ern angesetzten Rahmenhandlung, in der ein uralter Tonto einem kleinen Jungen den Film erzählt. Das geht soweit, dass die eigentliche Geschichte mehrfach unterbrochen wird, weil der Junge in der Zukunft eine Frage stellt oder etwas, das Tonto erzählt, nicht glaubt.

Und ich mache hier den gleichen Fehler wie der Film. Ich kündige eine Sache an, mache dann etwas völlig anderes, vergesse, was ich eigentlich sagen wollte und… oh, guckt mal, was glitztert da hinten denn so schön?

Wo war ich?

Ach ja, bei der Handlung. The Lone Ranger erzählt die Geschichte von John Reid, einem idealistischen, jungen Anwalt, der in seine Heimatstadt zurückkehrt. Dort gerät er in die Spannungen zwischen aufständischen Comanchen und einem machthungrigen Eisenbahnunternehmer. Als sein Bruder, ein texanischer Ranger, von dem Outlaw Butch Cavendish (geiler Name übrigens) ermordet wird, nimmt Reid die Identität des maskierten Lone Rangers an. Gemeinsam mit einem hochgradig gestört wirkenden Comanchen namens Tonto macht er sich auf die Jagd nach Cavendish, der vielleicht nicht nur ein einfacher Outlaw ist, sondern ein Wendigo - ein kannibalistisch veranlagter, indianischer Dämon.

Klingt gar nicht mal schlecht, oder? Leider hat der Film ein gravierendes Problem.

Er macht keinen Spaß.

Helena Bonham CarterThe Lone Ranger glaubt, dass er Spaß macht, dabei ist er wie ein kleines Kind, das den Erwachsenen seine Lieblingswitze erzählen will, aber ständig die Pointe vergisst. Man hört ihm mit gezwungenem Lächeln zu und hofft, dass die Eltern es endlich ins Bett schicken - und das zwei Stunden und zwanzig Minuten lang.

Dieses Problem bringt man am besten auf den Punkt, wenn man sich die Figuren ansieht. Armie Hammer, der in The Social Network echt gut war, spielt John Reid so hölzern und uninspiriert, dass man glaubt, seine einzige Erfahrung sei ein Schauspiel-Tutorial auf YouTube. Reid sollte den unschuldigen Charme eines Brendan Frasers haben und Sympathieträger des Films sein, aber er stolpert sinnlos durch die Handlung, wirkt mal zickig, mal naiv und lässt sich von Tonto bis zum Ende verarschen.

The Lone Ranger ist nichts anderes als die Origin Story für einen Superhelden. Es gibt ein kataklysmisches Ereignis, das den Helden auf seinen Weg bringt, eine Erklärung für sein Kostüm und einen scheinbar unbesiegbaren Gegner, den der Held dann aber doch besiegen kann. Warum? Weil er seine Schwächen überwunden hat und menschlich/mutantisch/außerirdisch an seinen Aufgaben gewachsen ist. All das tut Reid nicht. Er fängt den Film als halbwegs netter Idiot an und beendet ihn auch so.

Schlimmer als Reid ist nur noch Tonto, nicht zuletzt, weil man von Johnny Depp mehr erwartet. Deutlich mehr. Wenn er Tonto wie Jack Sparrow spielen würde, könnte man sagen: “Faule Sau” und den Rest der Show genießen. Aber er spielt ihn… irgendwie gar nicht.

Ich habe eine Vorstellung, wie das Brainstorming zwischen ihm und Regisseur Gore Verbinski abgelaufen sein könnte.

Depp: “Sag mal, Gore, was für ein Typ ist Tonto? Ist er eine Art heiliger Narr oder einfach nur verrückt?”

Verbinski: “Ist doch scheißegal. Er hat eine Krähe auf dem Kopf.”

TontoEr hat eine Krähe auf dem Kopf ist die einzige Charakterisierung, die Tonto erfährt. Abgesehen davon erfüllt er nur die Rolle, die im Drehbuch gerade verlangt wird. Er haut ein paar Sprüche raus, guckt irre, erklärt die Handlung, macht Slapstick und ist vor allem unglaublich asi zu Reid. Am Anfang ist sein Verhalten noch nachvollziehbar, doch ungefähr ab der Hälfte fragt man sich, weshalb Reid sich von ihm so vorführen lässt. Die beiden sind keine Freunde und sie werden es auch nicht. Das ist kein absichtlicher Kniff des Drehbuchs, sondern das Versagen von Autoren, die glauben, jemanden mit dem Kopf durch Pferdescheiße zu ziehen, sei so lustig, dass man die Integrität der Figuren dafür ruhig opfern kann.

Falsche Prioritäten, Humor auf dem geringsten gemeinsamen Nenner und eine desinteressiert abgespulte Story, die beim Zuschauer außer Verwirrung keine wesentlichen Emotionen hervorruft: das ist The Lone Ranger. Das einzig übersinnliche Element - der Wendigo und damit die Vorstellung, dass die Natur aus dem Gleichgewicht geraten ist - wird zu einem Monty-Python-artigen Killerkaninchen-Witz degradiert. Skurrile Figuren wie die von Helena Bonham Carter gespielte Bordellbesitzerin mit Beinprothese oder ein Outlaw, der gern Frauenkleider trägt, tauchen auf und verschwinden wie in einer Geisterbahn.

Das könnte einen auf die Idee bringen, der Film sei an seinen Ambitionen gescheitert, aber das wäre falsch. The Lone Ranger ist gescheitert, weil er aus einem Wirrwarr aus unfertigen Ideen besteht. Das spiegelt sich sogar in den zwar bombastisch inszenierten, aber unzusammenhängenden Actionszenen wider. Man hat den Eindruck, dass Disney eine Rundmail rausgeschickt hat, bei der jeder von der Poststelle bis zur Buchhaltung sagen durfte, was er gern im fertigen Film sehen würde.

“Ich will ein Pferd auf dem Dach eines Zugs.”

“Ich will so eine Verfolgungsjagd wie in Indiana Jones 2.”

“Ich will Skorpione.”

Schade, dass niemand aus all dem eine Geschichte machen konnte oder wollte. Aber hey, Johnny Depp hat eine Krähe auf dem Kopf. Was braucht ihr denn mehr?

2/5