Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Thirst

Ehrlich gesagt, bekam ich ein wenig Angst, als ich zwei Sachen über den koreanischen Film Thirst erfuhr: 1. er ist 133 Minuten lang 2. er hat den Spezialpreis der Jury in Cannes gewonnen. Letzteres ist selten ein gutes Zeichen. Schlimmer wäre gewesen, wenn er den gleichen Preis bei den Filmfestspielen in Venedig gewonnen hätte, da den im Allgemeinen nur Schnarchfeste und Betroffenheitsepen bekommen. Ob Thirst in eine dieser Kategorien fällt, erfahrt ihr nach dem Trailer.

Um es kurz zu machen; nein, tut er nicht. Regisseur Park Chan-wook, den ihr vielleicht von Filmen wie Oldboy oder Lady Vengeance kennt, erzählt die Geschichte eines Priesters, der durch eine Bluttransfusion zum Vampir wird, zwar mit leisen Tönen (keine Angst, ist ausnahmsweise kein Synonym für sterbenslangweilig), aber mit viel Humor und einem ordentlichen Gewaltanteil. Die Hauptrollen sind sehr gut besetzt, vor allem Kang-ho Song als der Priester und Ok-vin Kim als Tae-joo, eine Art koreanisches Aschenputtel, in das er sich verliebt, liefern eine tolle Leistung. Umgeben sind sie von teils skurrilen, teils boshaften Charakteren, die scheinbar isloiert von der Außenwelt vor sich hin existieren.

Es gibt nur wenige Schauplätze in Thirst und kaum eine Szene, in der mehr als zehn Personen zu sehen sind. Alles wirkt eng, fast schon klaustrophobisch, nur in den Vampirszenen scheint es so etwas wie Freiheit zu geben - zumindest anfangs.

Thirst steckt voller Kontraste und Konflikte, angefangen von den Farben im Kloster des Priesters und denen in Tae-joos Haus, über die klassische Musik, die seine Szenen dominiert und die koreanische Volksmusik (nehme ich zumindest an, dass das Volksmusik war) in anderen, bis zu seiner Existenz als Vampir und Tae-joos Menschsein.

Ich merke schon, dass das sehr intellektuell und abgehoben klingt, aber lasst euch nicht von meinem Gelaber abschrecken: Thirst ist echt gut, ein wenig lang vielleicht, aber ansonsten absolut lohnenswertes Kino.

Regisseur Park Chan-wook stand uns übrigens gestern Abend nach dem Film Rede und Antwort und erzählte einige sehr interessante Dinge. So wird es demnächst ein Hollywood-Remake von Oldboy geben mit Will Smith unter der Regie von Steven Spielberg. Auf die Frage, was er davon halte, antwortete Park Chan-wook, er erwarte ein “interessantes Ergebnis.” Was auch immer das heißen mag…