Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Walküre - Tom Cruise in Uniform

Erinnert ihr euch noch an all das Gezeter, das es im Vorfeld von Walküre in der deutschen Presse gab? Gut, für Thomas Kretschmann war es wahrscheinlich nicht so geil, von der Hauptrolle in die dritte Reihe der Nebenrollen versetzt zu werden, weil Tom Cruise auf einmal sagte: “Ich hätte da schon Bock drauf…”, aber das war ja nur ein Teil des Feldzugs, den manche Journalisten gegen den Film führten. Auf einmal kochte die Scientology-Diskussion wieder hoch, und jede Negativmeldung über Nachdrehs und andere Probleme wurde mit großer Schadenfreude breit getreten. Man hatte fast den Eindruck, dass sich manche in ihrer Ehre verletzt fühlten, weil Hollywood einen deutschen Helden entdeckt hatte. Dabei kann ich, nachdem ich den Film eben gesehen habe, nur eines sagen: gut, dass Hollywood Stauffenberg entdeckt hat. So ist uns nämlich ein mindestens dreistündiger Betroffenheitsepos erspart geblieben, und wir haben stattdessen einen spannenden, super besetzten Thriller bekommen, der trotz der ganzen Spoiler, die man durch den Geschichtsunterricht bekommen hat, keine Sekunde langweilig ist.

Walküre beginnt in Nordafrika, wo ein noch unversehrter Stauffenberg seinem Tagebuch anvertraut, aus welchen Gründen er ein Ende von Nazi-Deutschland herbeiführen will. Dieses Stück Exposition dauert gerade mal zwei Minuten, reicht aber völlig aus, um seine Motive und die der meisten anderen Putschisten zu erklären. Danach geht Regisseur Bryan Singer kaum noch darauf ein, muss er auch nicht, denn wir wissen, dass Stauffenberg und Co all das hassen, was die Nazis aus ihrem Land gemacht haben. Die Putschisten sind Patrioten, die Nazis sind die Verräter.

Nach diesem Auftakt folgt der Film in der ersten Hälfte den Vorbereitungen zum Attentat, aber seine wahre Stärke offenbart er in der zweiten Hälfte, wenn deutlich wird, dass der Putsch nicht etwa am Überleben Hitlers scheiterte, sondern an dem, was danach geschah, an Zufällen, Fehlentscheidungen und menschlichen Schwächen. Einige Male sind sie dem Sieg so nah, dass man das Wissen aus dem Geschichtsunterricht vergisst und mit ihnen fiebert. Ging mir zumindest so.

Die Besetzung ist phänomenal, angefangen von Kenneth Branagh als eigentlichem Initiator des Putsches, über Bill Nighy als zögerlichem und Terence Stamp als entschlossenem, urpreußischen General, bis hin zu Tom Wilkinson als widerlich opportunistischem… na ja, wieder General. Hitler wird von David Bamber, den ich bewusst nur aus der Serie Rome kenne, als fast schon gebrochener, weltfremder, aber unberechenbar boshafter Diktator gespielt. Und Tom Cruise - ok, sagen wir es so: er ist ein toller Schauspieler, aber er hat auch das bekannteste Gesicht der Welt. Er trägt den Film, so wie man es erwartet, trotzdem wird man den Eindruck nie los, dass man Tom Cruise als Stauffenberg sieht, nicht Stauffenberg. Er verschwindet nicht in der Rolle, so wie es Leonardo di Caprio zum Beispiel in Aviator tat. Irgendwie denkt man die ganze Zeit: “Guck mal, Tom Cruise mit nur einem Auge und einer Hand… krass”. Gestört hat mich das nicht wirklich, es fiel mir nur auf.

Ganz kurz sei noch erwähnt, dass der Film mit seinen zurückgenommenen Farben und den grellen Nazisymbolen super aussieht. Seht ihn euch auf einer großen Leinwand an, wenn es geht und wenn ihr ihn überhaupt sehen wollt.