Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Wir haben einen Hulk - Kritik zu Avengers

Die folgende Kritik ist auch auf SFR erschienen.

Was schreibt man über einen perfekten Blockbuster? Nicht viel, ist die offensichtliche Antwort, schließlich gibt es kaum etwas zu kritisieren, aber man könnte ganze Abhandlungen darüber verfassen, was Joss Whedon richtig macht.

Da ist zum Beispiel die Länge des Films. Avengers läuft knapp zweieinhalb Stunden, was meistens bei einem Actionfilm bedeutet, dass mindestens eine halbe Stunde mit Geplänkel und hölzern klingender Exposition verplempert wird. Das ist hier anders. Natürlich gibt es Exposition, schließlich kann Loki nicht einfach aus dem Nichts auftauchen und die Erde bedrohen, aber sie fließt in die Handlung ein und wird nie zum Selbstzweck. Das Drehbuch nutzt diese ruhigen Momente, um gleichzeitig die Figuren und ihre Beziehungen untereinander zu charakterisieren. So erfahren Zuschauer, die einen oder mehrere Marvelfilme verpasst haben, praktisch nebenbei, welche Fähigkeiten die Helden haben und wie sie zu dem geworden sind, was wir in Avengers sehen. Wie toll das gelöst ist, erkennt man erst, wenn man sich an Filme erinnert, in denen die gesamte Handlung fünf Minuten lang anhält, damit Mr. Exposition die Welt erklären kann.

Das Drehbuch habe ich zwar schon angesprochen, aber es ist so gut, dass es einen eigenen Absatz verdient. Es gelingt Whedon immer wieder, seine Zuschauer zu überraschen, sei es mit unerwarteten Story-Wendungen oder einem Witz, wenn man am wenigsten damit rechnet. Das sind jedoch eigentlich Nebensächlichkeiten, denn was das Drehbuch aus der Masse der meisten Blockbuster hervorhebt, ist seine Menschlichkeit. Die Szene (nein, jetzt kommt kein Spoiler), in der Tony Stark versucht, jemanden anzurufen, dauert gerade mal dreißig Sekunden, löst aber mehr Emotionen aus als 120 Minuten Transformers. Whedon begräbt seine Charaktere nicht unter Spezialeffekten und Masken, sondern zeigt uns den Menschen - oder Halbgott - darunter. Das ist eine Kunst, die man erst mal beherrschen muss, gerade in einem Ensemblefilm wie Avengers.

Das bringt uns zu den Charakteren. Wenn so viele Helden und Genre-Ikonen aufeinanderprallen und jedem ein wenig Zeit zugestanden werden muss, damit die Fans nicht sauer werden, fühlt man sich als Zuschauer oft, als beobachte man ein Karussell: Jetzt kommt das Pferd, jetzt das Feuerwehrauto, danach das Flugzeug… und so weiter. Die Charaktere werden abgefertigt, was künstlich wirkt und langweilig. In Avengers steht das Team im Vordergrund. Jeder trägt etwas dazu bei, jeder hat seine (tollen) Momente und zwar als notwendiger Teil der Handlung. Wie die Avengers selbst wächst auch der Film auf natürliche Weise zusammen, sodass man am Ende nicht den Eindruck hat, man habe vier oder fünf verschiedene Geschichten gesehen, die auf Biegen und Brechen zusammengeführt werden mussten.

Zu den Schauspielern will ich gar nicht viel sagen. Ihr kennt sie wahrscheinlich aus den anderen Marvelfilmen und wisst, was sie können - mit einer Ausnahme: Mark Ruffalo als Hulk. Er ist ein toller Bruce Banner, aber ein noch besserer Hulk. Dank des Motion-Capture-Verfahrens, mit dem Andy Serkis schon Gollum zum Leben erweckte, können wir zum ersten Mal einen Hulk sehen, dessen Gesichtszüge Bruce Banner nicht nur nachempfunden sind, sondern der Bruce Banner ist, nur größer und grüner. Sein Humor, aber auch seine Tragik kommen dadurch viel besser zur Geltung. Kurzum: Ruffalo ist der beste Hulk, den ich je gesehen habe.

Und bevor jetzt die Erbsenzählerei losgeht, ja, ich weiß, dass auch Jeremy Renner als Hawkeye theoretisch neu ist, da er in Thor nur einen Kurzauftritt hatte. Er ist klasse, aber Ruffalos und WETAs Leistung sollten besonders hervorgehoben werden.

Von WETA ist es kein weiter Weg zu den Effekten, und um das alte Klischee zu bedienen: Man sieht jeden Dollar auf der Leinwand. In Avengers rummst und kracht es gerade in der zweiten Hälfte derartig, dass das Loki-Fangirl, das neben mir im Kino saß, sich die ganze Zeit die Ohren zugehalten hat - abgesehen von Lokis Auftritten, bei denen sie jedes Mal anfing, zu kichern und mit ihrer Freundin zu flüstern. Mal ehrlich: Loki?

Zurück zum Thema. Geile Effekte, vernünftiges 3D ohne verschwommene Hintergründe und verschobene Perspektiven, ein teilweise wahnwitzig hohes Tempo und keine kaputtgeschnittene Action. Wenn ich einen Kritikpunkt habe - und ich fühle mich dabei ein wenig wie die Prinzessin auf der Erbse - dann nur den, dass die Endschlacht etwas zu lang ist. Fünf Minuten weniger hätten es auch getan, aber hey, ich fand fünf Minuten von 145 nicht so toll? Das wäre noch nicht einmal ein halber Punktabzug in unserem nicht-existenten Wertungssystem, geschweige denn mehr.

Und so bleibe ich dabei: Avengers ist nicht nur ein perfekter Blockbuster, er ist der Superheldenfilm, an dem sich alle folgenden messen werden müssen.