Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Bye-bye, Buffy

Nur damit ihr euch darauf einstellen könnt, dieser Artikel wird hemmungslos sentimental und nostalgisch. Das nur als Warnung, damit es nachher nicht heißt, ich hätte euch nicht gewarnt.

Zehn Buffy-Episoden zum Niederknien

Das sollen jetzt nicht unbedingt die besten zehn Folgen sein, sondern einfach nur zehn extrem gute Folgen. Es gab wesentlich mehr Folgen, die man hier noch einreihen könnte, aber irgendwie ragen diese aus den anderen heraus.

Noch einmal mit Gefühl

Die beste Stunde Fernsehen, die ich je gesehen habe. Punkt.

Das Jenseits lässt grüßen

Weil es nie einen böseren Staffelgegner als Angelus gab und die Szene, in der Giles die ermordete Jenny Calendar findet, der vielleicht herzzerreißendste Moment der Serie ist.

Tod einer Mutter

Man könnte ein Buch über diese Folge schreiben. Die Reaktionen der Charaktere auf den Tod von Joyce sind enorm realistisch, ihre Hilflosigkeit erschütternd. So mutig kann Fernsehen sein.

Chosen

Nach einer größtenteils verpatzten 6. und 7. Staffel findet die Serie zu einem äußerst versöhnlichen und einfach nur toll geschriebenen Ende.

Das große Schweigen

Rund dreißig Minuten lang wird nicht gesprochen und trotzdem ist die Folge nicht nur unheimlich, sondern auch urkomisch. Das muss man erst mal bringen.

Der Preis der Freiheit

Ein fast noch besseres Serienende als „Chosen“. Die bringen Buffy um… schon wieder.

Wendepunkte/Spiel mit dem Feuer

Theoretisch zwar zwei Folgen, aber hey, verklagt mich. Tolle Story, spannende Verwicklungen und dann bringt Buffy auch noch Angel um. Dramatischer geht’s nicht mehr.

Das Zentrum des Bösen

Es ist ein Pilotfilm, der so voller Erwartungen und Energie steckt, dass er die Serie perfekt einleitet. Die Einführung der vier Hauptcharaktere ist schlicht und ergreifend toll.

Elternabend mit Hindernissen

Spikes erster großer Auftritt ist eine echte Bereicherung und die Belagerungsszenen in der Schule sind so richtig spannend.

Jedem sein Alptraum

Die vielleicht abgefahrendste Folge, die sie je gemacht haben – und sie macht sogar Sinn… irgendwie, auch wenn es eine Weile dauert, bis man das merkt. 

Aus. Ende. Schluss. Sense. Schicht im Schacht. Alles vorbei. Game over. Sieben Jahre Buffy liegen hinter uns, der Krater, wo sich einmal Sunnydale befand, vor uns. Eine Serie, die von den Fans geliebt und von den Kritikern ignoriert wurde, geht zu Ende. Über diese Fernsehepoche muss man was schreiben, das ist ganz klar, aber was?

Die Mission, die mir von der Chefredaktion aufgetragen wurde, war eine Zusammenfassung dieser sieben Jahre, ein Rückblick auf all das, was wir mit den Charakteren erlebt und erlitten haben und eine Einschätzung, wie gut Buffy denn jetzt eigentlich war.

Diese Mission kann ich leider nicht annehmen, denn wenn man genau darüber nachdenkt, spielt es eigentlich keine Rolle, was in der Serie passiert ist und welche Teile von ihr gut oder schlecht waren, es geht vielmehr darum, wie wir als Zuschauer sie wahrgenommen haben, wie sie uns beeinflusst hat und welches Loch ihr Ende in unser tägliches Leben reißt.

Wollen wir uns das ganze Ausmaß der Tragödie doch einmal ansehen. Sieben Jahre Buffy, das sind 115,5 Stunden Fernsehen oder 6930 Minuten, in denen wir mit diesen Charakteren gelitten, gelacht und noch viele andere ges gemacht haben. Wenn man das auf eine reine Tagessehzeit umrechnet, kommt man in sieben Jahren auf immerhin 2,7 Minuten pro Tag. Naiverweise könnten Nichteingeweihte jetzt behaupten, das sei ja nicht sonderlich viel und diese 2, 7 Minuten würde man ja wohl irgendwie füllen können – Zeitansage anrufen, das Frühstücksei einfach mal 2,7 Minuten länger kochen, joggen gehen – aber wer das sagt, hat keine Ahnung von Fans. Nicht die Sehzeit ist es, die uns fehlt, Joss Whedon hat uns mit dem Ende der Serie den Dreh- und Angelpunkt unseres sozialen Lebens geraubt.

Und das kann ich anhand des Tagesablaufs eines normalen Buffy-Fans sogar belegen. Es geht ja schon los, wenn man morgens aufsteht, online geht und sich als BuffyRulez1298 bei web.de einloggt, um die Emails, die man in den letzten zehn Stunden von zwei Dutzend Mailinglisten erhalten hat, abzurufen. Spam löschen, zehn Minuten; Postings ignorieren, die Titel haben wie „aaaahhhh, mein Videorecorder hat die letzte Staffel Buffy nicht aufgenommen, wer kann mir alle 22 Folgen schicken, aber nur mit Untertiteln in Swaheli“, acht Minuten; sich über Mails mit Titeln wie „Warum Willow scheiße ist“ aufregen, zwölf Minuten; eine Antwort formulieren, die witzig, ironisch, treffend ist und dem ursprünglichen Autor unterstellt, er habe einen IQ knapp oberhalb der Avocado, zwanzig Minuten.

Danach wird erst einmal gefrühstückt.

Auf der Arbeit schaltet man als erstes den Computer ein und geht surfen, ist schließlich billiger als zuhause. Die üblichen Seiten werden besucht: buffyverse.de – Gott hab sie selig – slayerweb.de, whedonesque.com und slayage.com. Während man auf der einen den Trailer für die nächste Folge lädt, liest man auf der anderen ein paar Artikel. Weitere dreißig Minuten vergehen wie im Flug. Darauf warten, dass der Kollege endlich das Büro verlässt und man den Trailer sehen kann, vier Minuten. Trailer sehen, 1,5 Minuten, Trailer mehrfach sehen, weil man nicht erkennen kann, ob Giles eine Strickjacke oder einen Windbreaker trägt, sechs Minuten. Unter BuffyRulez 1298 online gehen, um sich in den Foren darüber aufzuregen, dass jemand im südkalifornischen Sommer eine Strickjacke trägt, neun Minuten. Bemerken, dass zehn Leute auf die Avocado-Mail reagiert haben, davon fünf negativ, zehn Minuten. Eine eigene Antwort schreiben, die das Erstgesagte modifiziert und die Avocado iq-mäßig über dem Originalautor ansiedelt, zwölf Minuten.

Das heißt, wir erreichen bereits vor dem Mittagessen eine Buffyzeit von 125,2 Minuten. Und das ist ja erst der Anfang, denn wir haben noch nicht einmal begonnen, die eigene Webseite www.buffyismylife.com zu aktualisieren und die zweihundert essentiell notwendigen Bilder, die man in der letzten Folge gemacht hat in die erst 189.985 umfassende Buffy-Bildergalerie hochzuladen. Bilder in der illegalen Photoshop-Kopie bearbeiten, zwölf Minuten, alle Mailinglisten von der Aktualisierung informieren, vierzehn Minuten. Mittlerweile neigt sich der Arbeitstag dem Ende und man hat vor dem Feierabend gerade noch Zeit, die siebentausend besten Sprüche aus der letzten Staffel in mp3s umzuwandeln und alle Windows-Töne durch Buffy-Sprüche zu ersetzen (zweiundzwanzig Minuten). Nebenbei lädt man den ersten Teil einer epischen, fangeschriebenen Buffy/Angel-Liebesgeschichte herunter, die länger ist als Harry Potter 1 bis 5, aber laut Autorin erst den Prolog schildert (Ausdruck am Firmendrucker, siebzehn Minuten) und regt sich in der Mailingliste „Better Fanfic“ über Fans auf, die Xander und Spike eine homosexuelle Beziehung unterstellen, wo doch jeder sehen kann, dass Xander und Andrew füreinander geschaffen sind und alle, die das Gegenteil behaupten, Idioten sind (acht Minuten).

Zuhause angekommen telefoniert man erst mal mit der besten Buffy-Freundin über die Möglichkeit, dass im Pilotfilm bereits das Ende der Serie vorweggenommen wurde, einigt sich darauf, unbedingt noch einmal die Traumepisode sehen zu müssen und schwört sich in der nächsten Folge nicht noch einmal darüber aufzuregen, dass Spike den Mantel des ermordeten Slayers weiterhin trägt (siebenunddreißig Minuten). Dass von der Freundin gebastelte Musikvideo ansehen und kommentieren, neun Minuten. Ein eigenes Musikvideo anfangen, dreizehn Minuten. In der Folge, die man eigentlich nur kurz anreißen wollte, hängen bleiben und sie komplett sehen, zweiundvierzig Minuten.

Nimmt man diese Zeit zusammen, kommt man auf eine ungefähre Buffy-Zeit von 300 Minuten pro Tag oder 1825 Stunden im Jahr und da fragt man sich, womit man die jetzt füllen soll, Mr. Whedon? Gut, theoretisch könnte man einen Swaheli-Kurs besuchen, damit man endlich die Untertitel der Folgen verstehen kann, die man geschickt bekommen hat, aber irgendwie wäre das nicht das selbe. Die traurige Tatsache bleibt, dass der durchschnittliche Buffyfan vor dem Scherbenhaufen seines sozialen Lebens steht und mit der Gewissheit leben muss, dass es nie wieder einen neuen Trailer zum Herunterladen, neue Promobilder zum Betrachten, neue Gerüchte zum Aufregen und neue Folgen zum Ansehen geben wird.

Wir können nichts daran ändern, wir können nur zurückblicken auf 6930 Minuten tolles Fernsehen, auf sieben Jahre Perfektion und Versagen, Komik und Tragik, Spannung und Langeweile und uns verabschieden:

Bye-bye, Buffy. Bye-bye, Willow. Bye-Bye, Giles. Bye-Bye, Xander. Bye-bye, Spike.

Ihr habt die Welt gerettet. Unheimlich oft. Und wir haben euch dabei zugesehen. Unheimlich gerne.

UPDATE aus dem Jahr 2008: Ganz ohne Buffy scheint auch Joss Whedon nicht glücklich zu sein, das beweist seine Rückkehr zur Serie in sehr gelungener Comicform. Die Serie erscheint bei Panini - und ja, übersetzt ist sie von mir, aber deshalb schreibe ich das hier nicht (ok, nicht nur), sondern weil sie wirklich toll ist.